Auf dem 33. Internationale Kolloquium Kunststofftechnik am IKV in Aachen dominierten sehr konkrete Fragen, wie sich Rezyklate besser nutzen lassen, wie Bauteile recyclinggerechter konstruiert werden können und wie KI Entwicklung und Simulation belastbarer macht. Genau darin lag die Stärke der Veranstaltung. Die Branche verbreitete keine Schlagworte, sondern diskutierte die Umsetzung.

Forschung greifbar gemacht. Ali Cetin erläutert die Vorteile von Plasma-Beschichtungen beim Einsatz von Kunststoffrezyklaten. Foto: Circular Technology

Rund 460 Besucher kamen am 4. und 5. März 2026 in den Aachener Eurogress. In 48 Fachvorträgen, verteilt auf 16 Sessions und erstmals vier parallele Stränge, spannte das IKV den Bogen von Recycling und Rezyklatverarbeitung über robustes Prozessdesign bis hin zu KI-gestützten Entwicklungs- und Fertigungsstrategien. Damit wurde das Kolloquium vor allem zu einem sehr präzisen Lagebild einer Branche, die mit wirtschaftlicher Unsicherheit, regulatorischem Druck und hohem Innovationsbedarf zugleich umgehen muss.

Auffällig war dabei, dass sich viele Beiträge nicht mehr mit der Frage beschäftigten, ob Kreislaufwirtschaft, Digitalisierung oder neue Werkstoffkonzepte wichtig sind, sondern wie sie in der industriellen Realität funktionieren können. Das gab der Veranstaltung einen nüchternen, aber produktiven Ton. Genau diesen Eindruck bestätigte auch Dr. Johannes Kilian im Gespräch mit Circular Technology. Einen völlig neuen Megatrend habe er in Aachen nicht gesehen. Vielmehr seien viele Technologien inzwischen in der Phase der Umsetzung angekommen.

Design for Recycling wird zentral

Besonders klar wurde diese Verschiebung in den Vorträgen zum Schaumspritzgießen. Luis Pieper vom IKV stellte Soft-Touch-Anwendungen im Fahrzeuginnenraum als Beispiel für ein Konstruktionsprinzip vor, das in seiner bisherigen Form aus Sicht der Kreislaufwirtschaft an Grenzen stößt. Heute bestehen solche Oberflächen häufig aus thermoplastischem Träger, PUR-Schaum und Dekorschicht. Sie liefern zwar die gewünschte Haptik und Optik, sind aber als Materialverbund nur mit sehr hohem Aufwand oder gar nicht recyclingfähig.

Pieper knüpfte die Herausforderung direkt an die künftige Altfahrzeugregulierung. Wenn im Fahrzeug deutlich höhere Rezyklatanteile und geschlossene Kreisläufe gefordert werden, reicht es nicht mehr, nur auf bessere Sortierung oder Aufbereitung zu setzen. Dann muss das Produkt selbst recyclinggerechter werden. Sein Vorschlag ist ein Zwei-Komponenten-Schaumspritzgießen mit thermoplastischen Elastomeren, bei dem ein PP-Träger mit einem aufgeschäumten TPE kombiniert wird. Der Gedanke dahinter ist einfach, ein funktionales Soft-Touch-Bauteil zu schaffen, das als thermoplastisches System grundsätzlich deutlich besser in mechanische Kreisläufe zurückgeführt werden kann. Die IKV-Session zu diesem Thema beschrieb genau diesen Ansatz als Ersatz nicht rezyklierbarer Soft-Touch-Verbunde im Automobilbereich.

Dass es dabei nicht nur um Materialsubstitution geht, machte der anschließende Vortrag von Noah Mentges deutlich. Er rückte die Haptik der TPE-Schäume in den Mittelpunkt und damit eine Eigenschaft, die im Fahrzeuginnenraum kaufentscheidend sein kann. Die Herausforderung liegt aus seiner Sicht in einem komplexen Prozessdesign und einem engen Prozessfenster. Hinzu kommen Schwankungen im Material, vor allem dann, wenn künftig stärker mit Rezyklaten gearbeitet wird. Genau das macht die Charakterisierung der Schaumstruktur so wichtig. Denn wenn sich die Schaummorphologie verändert, verändert sich auch das taktile Empfinden des Bauteils.

Schäumen und Rezyklat gehen in Serie

Wie nah Forschung und industrielle Anwendung bei diesem Thema bereits zusammengerückt sind, zeigte der Beitrag von Pöppelmann. Der Verarbeiter aus Lohne machte deutlich, dass Thermoplastschaumspritzguss und Rezyklatverarbeitung längst nicht mehr nur Versuchsfelder sind. Nach Unternehmensangaben verarbeitet Pöppelmann pro Jahr rund 60.000 Tonnen Kunststoff, davon heute etwa zur Hälfte Rezyklat und bereits zu 40 Prozent Post-Consumer-Rezyklat.

Besonders anschaulich war das Beispiel eines Bauteils für den Beifahrerfußraum eines Fahrzeugs, das seit 2016 beziehungsweise 2017 in Serie läuft. Statt eines kompakten Bauteils aus Neuware setzte Pöppelmann auf eine Kombination aus Rezyklat und Thermoplastschaumspritzguss. Das Ergebnis war nicht nur ein geringerer Materialeinsatz. Nach Angaben des Unternehmens ließ sich auch die benötigte Maschinengröße halbieren, was den Energieverbrauch senkt. Insgesamt sprach der Referent  von einer Einsparung beim CO2-Äquivalent von 74 Prozent. Für das Kolloquium war das ein starkes Beispiel dafür, dass Design for Recycling und Prozessinnovation dann besonders überzeugen, wenn sie bereits in realen Serienanwendungen angekommen sind.

In diese Linie passte auch das Gespräch mit Dr. Johannes Kilian. Er bezeichnete Schäumen auf dem IKV-Kolloquium als „großes Thema“ und verwies auf Anwendungen in Automotive, technischem Spritzguss, Logistik und Freizeit. Besonders im Automobilbereich und im Footwear-Segment sieht er weiterhin Potenzial. Anders als bei manchem Trendthema ging es in Aachen beim Schäumen also nicht um eine neue Mode, sondern um eine Technologie, die sich in bestimmten Anwendungen zunehmend bewähren muss.

Vitrimere als Brücke zwischen Duroplast und Thermoplast

Ein zweiter spannender Strang des Kolloquiums drehte sich um Hochleistungswerkstoffe und ihre Kreislauffähigkeit. Das IKV stellte Vitrimere als neue Matrixklasse für faserverstärkte Kunststoffe vor und verknüpfte damit die Hoffnung, das werkstoffliche Recycling von Endlosfaserverbunden voranzubringen. Die offizielle Ankündigung zur Session 6 betonte genau diesen Punkt, Vitrimere sollen die Wiederverwendung solcher Strukturen ermöglichen und damit einen zentralen Nachteil klassischer Faserverbunde adressieren.

Jonathan Alms griff diese Perspektive in seinem Vortrag am Beispiel epoxidbasierter CFK-Batteriegehäuse auf. Seine Argumentation war klar aufgebaut. Thermoplaste bieten gute Recyclingmöglichkeiten, stoßen aber bei bestimmten Langzeitanforderungen an Grenzen. Duroplaste sind in anspruchsvollen Anwendungen oft robuster, lassen sich jedoch mechanisch kaum rezyklieren. Vitrimere sitzen genau an dieser Schnittstelle. Sie bilden ein kovalentes Netzwerk wie Duroplaste aus, besitzen aber schaltbare Bindungen. Dadurch können sie Eigenschaften vereinen, die bisher als Gegensätze galten, hohe strukturelle Stabilität und neue Optionen für Reparatur, Umformung oder Recycling.

Ein Höhepunkt war die Auszeichnung von Markus Lüling mit dem Georg Menges Preis. Foto: Circular Technology

Wie relevant diese Frage für industrielle Anwendungen ist, zeigte der Vortrag von Marc Fette von Airbus beziehungsweise CTC. Er machte deutlich, dass es aus Sicht der Luftfahrt keine nachhaltige Zukunft ohne Composites, Kunststoffe und Leichtbaumaterialien gibt. Gleichzeitig wächst dort der Druck enorm. Wenn ein neues Flugzeugprogramm rund 20 Jahre braucht, bis es den Markt durchdrungen hat, dann ist das Ziel Net Zero bis 2050 aus Branchensicht keineswegs fern. Leichtbau bleibt damit nicht nur Effizienzthema, sondern Voraussetzung für strategische Industriepolitik. Vor diesem Hintergrund wirkten die Aachener Arbeiten an rezyklierbaren Verbundwerkstoffen alles andere als akademisch.

KI: weniger Hype – mehr Nutzen

Ähnlich pragmatisch fiel der Umgang mit Künstlicher Intelligenz aus. Das IKV stellte in einer eigenen Session vor, wie KI-Methoden analytische und numerische Modelle in Produktentwicklung und Simulation ergänzen können, vor allem bei kurzfaserverstärkten Thermoplasten. Ziel ist nicht die Ablösung klassischer Methoden, sondern belastbarere Entscheidungen in Entwicklung und Auslegung.

Auch hier passt Kilians Einordnung gut zum Gesamtbild des Kolloquiums. Beim Thema Digitalisierung und KI sei man, so seine Beobachtung, wieder „auf dem Boden der Realität“ angekommen. Genau das war in Aachen zu spüren. KI erschien nicht als Heilsversprechen, sondern als Werkzeug, das seine Stärken dort ausspielen soll, wo komplexe Material- und Prozesszusammenhänge genauer beschrieben werden müssen.

Rundgang macht Umsetzung greifbar

Der Rundgang machte zahlreiche aktuelle Projekte am IKV direkt erlebbar. Foto: Circular Technology

Besonders überzeugend wurde dieser Praxisbezug beim Rundgang durch Institut und Technikum auf dem Campus Melaten. An mehr als 60 Stationen zeigte das IKV am Nachmittag des ersten Konferenztags laufende Maschinen und Prozesse aus Additiver Fertigung, Analyse und Prüfung, Digitalisierung, Extrusion, Faserverbundtechnik, Kautschuktechnologie, Kreislaufwirtschaft, Plasmatechnik, Polyurethantechnik, Spritzgießen, Wasserstofftechnologien und Werkstofftechnik. Der Rundgang war damit weit mehr als ein Begleitprogramm. Er übersetzte das Vortragsprogramm in anschauliche Forschungspraxis.

Gerade für einen Nachbericht ist das wichtig, weil hier sichtbar wurde, worin die besondere Qualität des IKV-Kolloquiums liegt. Viele Veranstaltungen leben von Zukunftsbehauptungen. In Aachen dagegen ließ sich an Maschinen, Versuchsanordnungen und Demonstratoren direkt prüfen, wie weit ein Thema tatsächlich ist. Das galt für das Schaumspritzgießen ebenso wie für Recycling, Simulation oder Werkstoffentwicklung.

Auszeichnungen mit Signalwirkung

Zum Charakter der Veranstaltung gehörte auch, dass sie den Wissenstransfer selbst zum Thema machte. Der Georg-Menges-Preis 2026 ging an Markus Lüling, Chefredakteur von K-PROFI. Das IKV und die Jury würdigten ihn ausdrücklich für einen unabhängigen, transferorientierten Fachjournalismus, der Wissenschaft und Anwendung verbindet und technologischen Entwicklungen Orientierung gibt. Gerade in einer Branche, die immer spezialisierter wird, war diese Ehrung ein bemerkenswert klares Signal.

Auch der Reifenhäuser-Förderpreis fügte sich in dieses Bild. Er ging an Jan Kleinsorge für seine Masterarbeit zur inversen thermischen Spritzgießwerkzeugauslegung. Ausgezeichnet wurde damit keine plakative Zukunftsvision, sondern eine sehr konkrete Forschungsleistung an der Schnittstelle von Werkzeugauslegung, Thermomanagement und Prozessoptimierung. Genau das passte zum Grundton des Kolloquiums. Fortschritt wurde in Aachen vor allem dort sichtbar, wo Detailarbeit, Systemverständnis und industrielle Relevanz zusammenkamen.

Arbeit statt Attitüde

Unter dem Strich hat das IKV-Kolloquium 2026 vor allem eines gezeigt. Die Kunststoffbranche sucht derzeit nicht nach dem einen alles verändernden Trend, sondern nach belastbaren Wegen, um unter schwierigen Rahmenbedingungen voranzukommen. Recycling war dabei das dominierende Arbeitsthema, allerdings nicht mehr nur als Frage der Aufbereitung, sondern zunehmend als Aufgabe für Produktdesign, Materialwahl und Prozessführung. Schäumen, Vitrimere, KI und industrielle Serienbeispiele fügten sich genau deshalb zu einem stimmigen Gesamtbild. Die Veranstaltung machte deutlich, dass der Wandel nicht vor allem aus großen Parolen entsteht, sondern aus Forschung, die sich an der Anwendung bewähren muss.

Bild ganz oben: Das Kolloquium zog die Kunststoffbranche nach Aachen. Foto: IKV / D.F. Fotografie

 

Von fil