Auch für Rezyklate gelten die Regeln des Marktes

Dr. Dirk Textor (Dr. Textor Beratungsgesellschaft mbH) spricht über Stellschrauben, um die Nutzung von Kunststoffrezyklaten zu erhöhen. Dr Dirk Textor ist ein langjähriger Kenner des Kunststoffrecyclings. Im Gespräch erläutert er, welche Stellschrauben für eine Ausweitung des Rezyklateinsatzes gedreht werden müssen. Insbesondere plädiert der Experte für Kooperation und Design for Recycling. Recycling um jeden Preis mache aber keinen Sinn.

Herr Dr. Textor, würden Sie sich bitte kurz einmal vorstellen?

Dirk Textor: Ich heiße Dr. Dirk Textor und bin seit 20 Jahren in verschiedenen Funktionen im Kunststoffrecycling tätig, mit einem Schwerpunkt im Bereich des Verpackungskunststoffrecyclings. Durch meine verschiedenen Tätigkeiten konnte ich Erfahrungen speziell in der Sammlung, Sortierung und Aufbereitung von Kunststoffen sammeln und die Entwicklung des werkstofflichen Recyclings aktiv mitgestalten. Seit 2014 bin ich als selbstständiger Berater tätig und unterstütze in allen Fragen rund um das Recycling. Zusätzlich bin im Vorstand des BVSE aktiv.

Wie wird eine funktionierende Kreislaufwirtschaft für Sie möglich?

Textor: Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft wird erst dann möglich, wenn sich alle Beteiligten, sprich die Kunststoffverarbeiter, -erzeuger und Recycler, an einen Tisch setzen und ein wechselseitiges Verständnis dafür entwickeln, was der Eine für Qualitäten aus den Abfallströmen erzeugen kann und was für Input der Andere für seine Produkte benötigt. Es muss verstanden werden, dass nicht das vollständige Recyceln der Gesamtmasse das Hauptziel der Industrie sein sollte, sondern, dass diese Masse so recycelt werden kann, dass der Output die bestmögliche Qualität hat. Durch vorrausschauendes Produktdesign kann die Qualität der Rezyklate gesteigert werden, was den Recyclern Teile des aufwendigen Aufbereitens erspart. Somit wird langfristig der Preis für hochwertige Rezyklate verringert. Das wiederum wirkt sich positiv auf die Nachfrage aus.

Wie könnte ein gemeinsames Ziel in Bezug auf die Kreislaufwirtschaft im Kunststoffbereich aussehen und wie wäre dieses umzusetzen?

Design for Recycling ist in vielen Bereichen nicht einmal ansatzweise umgesetzt. Geräte aus der Unterhaltungselektronik können nur schwer in ihre Bestandteile zerlegt werden. Foto: Pixabay

Textor: Das für mich grundsätzlich entscheidende Stichwort ist hier Design for Recycling. Im Bereich der Kunststoffverpackungen ist das zwar noch vergleichsweise trivial, auch wenn wir massive Probleme beobachten können, jedoch steigt mit der Komplexität der Produkte auch der Schwierigkeitsgrad der Umsetzung des Design for Recycling. Als Beispiel hierfür kann man die Unterhaltungselektronik heranziehen. Hier kommt eine Vielzahl an verschiedenen Polymeren zum Einsatz und die Produkte sind in der Regel überhaupt nicht mit dem Ende ihres Lebenszyklus im Hinterkopf entworfen worden. Klar ist, dass in den nächsten Jahren ein Kunststofftsunami auf uns zukommen wird, da immer mehr der langlebigen Produkte, zum Beispiel eben diese Unterhaltungselektronik, das Ende ihres Lebenszyklus erreichen. Deshalb ist es umso dringlicher das Kunststoffrecycling vollständig zu erlernen, um diese Flut in Zukunft in den Griff bekommen zu können. Deswegen ist Design for Recycling die entscheidende Stellschraube, die bei der Konstruktion von Kunststoffprodukten berücksichtigt werden muss. Wie kann eine Demontage, wie kann eine Zerkleinerung, wie Sortieren aussehen und wie kann man daraus wieder ein Rezyklat machen? Das muss mit implementiert werden.

Wo sehen Sie dabei die größten Herausforderungen oder Gefahren?

Die Herausforderung besteht darin, dass die kunststoffverarbeitende Industrie auch heute noch mit der Art und Weise wie sie agieren, sprich Produkte auf Basis von Kunststoffneuwaren zu erzeugen, erfolgreich ist. Warum sollte ein Kunststoffverarbeiter anfangen sich darüber Gedanken zu machen, ob er lieber teure Rezyklate einsetzen sollte? Bei Produkten, die direkt an die Konsumenten gehen, kann das vereinzelt Sinn machen, um die Nachfrage nach nachhaltigeren Produkten zu bedienen. Abgesehen von diesen Fällen wird das qualitative Ergebnis im ersten Schritt erstmal schlechter. Dazu steigen noch das Risiko und der Aufwand. Das möchte kein angestellter CEO gegenüber einem Vorstand oder seinen Aktionären verantworten. Was fehlt ist, neben dem entsprechenden politischen Druck, ein sinnvoller Anreiz aus der Industrie selbst, damit dort ein Umdenken stattfindet.

Stichwort regulatorischer Druck: Sehen Sie da aktuell Initiativen oder eine Bewegung, die diese Herausforderung angehen?

Textor: Das erste Beispiel wäre hier §21 im Verpackungsgesetz. Dies ist das erste zarte Pflänzchen, das auf den Willen des Gesetzgebers hinweist. Ein weiteres Beispiel ist die Kunststoffsteuer der EU. Der Druck auf nicht-recyclingfähige Produkte nimmt stetig zu und ich bin überzeugt, dass dieser Trend auch weiterhin anhalten wird.

Nun ein kleiner Themensprung: Was verstehen Sie unter guter Qualität im Bereich Rezyklate?

Textor: Gute Rezyklatqualität ist immer genau das, was der Kunde braucht. Objektiv kann man die Qualität von Rezyklaten immer weiter verbessern, sei es durch einen geringeren Aschegehalt, eine bessere oder zusätzliche Filtration, oder geringere Restinhalte. Am Ende des Tages ist das alles jedoch sinnlos, wenn der Kunde es nicht braucht. Qualität ist also das, was der Kunde will.

Wie könnte man dazu kommen, dass mehr Rezyklate eingesetzt werden und vor allen Dingen wo könnte das denn passieren?

Textor: Meiner Erfahrung nach herrscht in der kunststoffverarbeitenden Industrie eine Erwartungshaltung an die Recycler: Die Rezyklatlieferanten sollen bitte dafür sorgen, dass die bisher verwendete Neuware 1 zu 1 substituiert werden kann. Das funktioniert natürlich nur in seltenen Fällen so einfach. Die Umstellung hin zu Rezyklaten ist ein Prozess. Dabei muss der Verarbeiter sich auf das neue Material durch Abmischen, durch Änderungen von Wanddicken, Änderungen von Werkzeugen, oder andere Zykluszeiten einstellen. Hier schließt sich so ein bisschen der Kreis: Warum sollte er das machen?  Warum sollte der Kunststoffverarbeiter diesen zusätzlichen Aufwand und das gesteigerte Risiko auf sich nehmen und dann dazu auch noch einen höheren Preis für das Rezyklat bezahlen? Als Mittelstands-Lobbyist darf ich das zwar eigentlich gar nicht so laut sagen, aber meiner Ansicht nach kann ein erhöhter Einsatz von Rezyklaten nicht ohne einen höheren politischen Druck und weitere Regularien erreicht werden.

Bild oben: Dr. Dirk Textor. Foto: privat