Am 17. Januar 2026 wird das internationale Abkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt in den internationalen Gewässern rechtskräftig. Das so genannte Hochseeschutzabkommen oder BBNJ‑Agreement („Biodiversity Beyond National Jurisdiction“) ergänzt das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS) um einen rechtsverbindlichen Rahmen für die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der Meere jenseits nationaler Hoheitsgewässer. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Verhandlungen und einem intensiven Ratifizierungsprozess haben mindestens 60 Staaten die Vereinbarung ratifiziert, wodurch sie nach einer 120‑Tage‑Frist wirksam wird.

Das Abkommen gilt als historischer Durchbruch im globalen Meeresschutz. Die „Hohe See“ – jene Meeresbereiche außerhalb der 200‑Seemeilen‑Zonen, auf die Staaten rechtlich Einfluss haben – umfasst rund 40 Prozent der Erdoberfläche und etwa zwei Drittel aller Ozeanflächen. Bislang sind davon lediglich etwa 1 Prozent vollständig geschützt, etwa durch sogenannte No‑Take‑Zonen ohne Fischerei oder Rohstoffabbau.
Zentrale Inhalte des Abkommens

Das BBNJ‑Abkommen stärkt internationale Zusammenarbeit und setzt erstmals verbindliche Regeln in Bereichen, die bisher rechtlich unzureichend geregelt waren:

  • Schaffung eines Rechtsrahmens für Meeresschutzgebiete (MPAs): Staaten können künftig Schutzgebiete auf der Hohen See einrichten, ohne dass bisher erforderliche Einstimmigkeiten aller Beteiligten vorausgesetzt werden. Dies erleichtert den Schutz besonders sensibler Ökosysteme deutlich.
    Regelungen zu marinen genetischen Ressourcen: Nutzung und Zugang zu genetischen Ressourcen aus internationalen Gewässern sowie deren fairer Vorteilsausgleich werden erstmals international koordiniert. Diese Ressourcen sind für wissenschaftliche Forschung und Anwendungen in Medizin, Biotechnologie und Ernährung von Bedeutung.
  • Umweltverträglichkeitsprüfungen: Das Abkommen sieht verbindliche Prüfprozesse für Aktivitäten mit erheblichen Umweltfolgen vor, etwa Tiefseebergbau, was langfristige ökologische Schäden früher erkennen und begrenzen helfen soll.
  • Kapazitätsaufbau und Technologietransfer: Besonders Entwicklungsländern sollen Zugang zu Wissen und Technologien erhalten, um aktiv am Schutz und der nachhaltigen Nutzung mariner Ressourcen mitzuwirken.

Einordnung und Bedeutung

Ozeane spielen eine zentrale Rolle im globalen Klima‑ und Biodiversitätssystem. Sie absorbieren rund 30 Prozent der menschlichen CO₂‑Emissionen und beherbergen komplexe Lebensgemeinschaften, die für Fischbestände und Ernährungssicherheit von Millionen Menschen entscheidend sind. Der Rechtsrahmen des BBNJ‑Abkommens gilt als ein Schlüsselwerkzeug, um Degradationsprozesse in internationalen Gewässern zu stoppen und globale Schutzziele zu erreichen.

Das Abkommen unterstützt zudem das sogenannte „30×30“‑Ziel, das vorsieht, bis 2030 mindestens 30 Prozent der weltweiten Land‑ und Meeresflächen unter Schutz zu stellen. Bisher konnten Schutzgebiete auf der Hohen See kaum effektiv etabliert werden, da dafür meist Einstimmigkeit erforderlich war und zahlreiche Interessenskonflikte bestanden.
Herausforderungen und Perspektiven

Trotz seiner historisch hohen Bedeutung steht das Abkommen vor mehreren Herausforderungen:

Umsetzung und Finanzierung: Der tatsächliche Schutz hängt von Strukturen ab, die erst im Zuge der Umsetzung etabliert werden müssen, etwa ein ständiges Sekretariat, Finanzierungsmechanismen und Durchsetzungsorgane.
Globale Beteiligung: Einige bedeutende maritime Akteure, etwa die Vereinigten Staaten, haben das Abkommen zwar unterzeichnet, bislang aber nicht ratifiziert. Ohne die Beteiligung dieser Staaten bleibt die globale Wirkung begrenzt.

Integration bestehender Regulierungsmechanismen: Fischerei, Schifffahrt und Tiefseebergbau werden weiterhin von spezialisierten Regionalorganisationen geregelt. Deren Zusammenarbeit mit dem neuen Abkommen wird entscheidend sein, um Doppelstrukturen zu vermeiden und effektive Schutzmaßnahmen zu gewährleisten.

Ausblick

Mit dem Inkrafttreten des BBNJ‑Abkommens beginnt eine neue Phase internationaler Meerespolitik. Innerhalb eines Jahres wird die erste Vertragsstaatenkonferenz (Conference of Parties) stattfinden, die zentrale Entscheidungen zur Umsetzung der Vereinbarung treffen muss. Experten sehen darin die nächste entscheidende Weichenstellung dafür, wie ambitioniert und effektiv der Schutz der internationalen Meere tatsächlich gestaltet werden kann.

In einer Zeit, in der der Druck auf marine Ökosysteme durch Klimawandel, Überfischung und industrielle Nutzung wächst, bietet das BBNJ‑Abkommen erstmals einen verlässlichen juristischen Rahmen, um gemeinsame Interessen am Erhalt der Ozeane in konkrete Politik umzusetzen.

Bild oben: Die Hochsee wird nun durch ein internationales Abkommen besser geschützt. Abbildung: Circular Technology mit DALL-E

Von fil