Die Schäumtechnologie bleibt in der Kunststoffverarbeitung ein zentrales Thema. Für ENGEL hat sich damit auch die Übernahme von Trexel bewährt. Dr. Johannes Kilian sieht vor allem im Automotive-Bereich, bei Nachhaltigkeitsanwendungen und im Footwear-Segment Potenzial. Beim Kunststoffrecycling fällt seine Bilanz deutlich verhaltener aus. Dort fehlt aus seiner Sicht oft noch der wirtschaftliche Anreiz.

Für ENGEL ist die Übernahme von Trexel ein strategisches Investment in die Schäumtechnologie. Wie Dr. Johannes Kilian im Gespräch mit Circular Technology auf dem IKV-Kolloquium betonte, bleibt Trexel innerhalb der Gruppe eigenständig; zugleich will ENGEL die weitere Entwicklung der Technologie gezielt unterstützen. „Trexel bleibt komplett unabhängig“, sagte Kilian. ENGEL wolle der Technologie zugleich „einen starken Rücken geben“, um ihre Entwicklung weiter voranzubringen.Veränderungen soll es vor allem dort geben, wo ENGEL seine internationale Präsenz einbringen kann – etwa bei Kundennähe, Service und Ersatzteilen

Schäumen bleibt in wichtigen Anwendungen gefragt

Für Kilian ist klar, dass Schäumen in der Kunststofftechnik weiterhin ein wichtiges Thema ist. Das habe sich auch auf dem IKV-Kolloquium gezeigt. „Man sieht ja hier auch am IKV-Kolloquium ganz klar, dass Schäumen ein großes Thema ist“, sagte er. Dabei verweist er auf mehrere Anwendungsfelder, in denen die Technologie eine wichtige Rolle spielt. Kilian nannte den Automobilbereich, den technischen Spritzguss, Logistikanwendungen und den Freizeitbereich. Besonders dort, wo Materialeinsatz, Bauteilfunktion und Prozessvorteile zusammenkommen, sieht er gute Perspektiven.

Vor allem im Automotive-Sektor beobachtet er eine anhaltend hohe Dynamik. „Wir sehen stark steigende Applikationen immer noch im Automotive-Bereich. Zudem sehen wir Aktivtitäten rund um das Thema Nachhaltigkeit“, sagte Kilian. Dort gehe es nicht nur um Gewichtseinsparung, sondern auch um Materialeffizienz, Zykluszeiten und die Anforderungen komplexer Bauteile. Auch außerhalb klassischer Industrieanwendungen sieht er Potenzial. „Wir sehen einen großen Wachstumsmarkt als Trexel auch im Footwear-Bereich“, so Kilian.

Recycling entwickelt sich zögerlich

Dr. Johannes Kilian sprach mit Philipp Lubos am Rande des IKV-Kolloquiums an der RWTH in Aachen. Foto: Circular Technology

Deutlich zurückhaltender fällt Kilians Einschätzung beim Kunststoffrecycling aus. Zwar bleibt das Thema aus seiner Sicht wichtig, der große Schub ist bislang aber ausgeblieben. „Das Kunststoffrecycling hat seine Up and Downs. Das muss man so sagen, wie es ist“, sagte er. Aktuell sei es „nicht die einfachste Situation für das Thema Recycling“. Als Hauptgrund nennt Kilian die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. In vielen Fällen werde Recycling noch stärker durch Regulierung als durch Marktmechanismen getrieben. „Die Motivation, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, ist viel mehr eine legislative  und weniger eine kommerzielle“, sagte er. Solange der wirtschaftliche Vorteil begrenzt bleibe, fehle dem Thema ein zusätzlicher Schub.

Hinzu komme Unsicherheit bei regulatorischen Vorgaben, vor allem mit Blick auf die Automobilindustrie. Solange dort wichtige Fragen nicht abschließend geklärt seien, blieben viele Unternehmen vorsichtig. Recycling stehe damit zwar auf der Agenda, entwickle sich aber nicht mit der Dynamik, die sich viele Marktteilnehmer wünschen. Recycling bleibt auch unter schwierigen Rahmenbedingungen eine wesentliche Säule in der Entwicklung von neuen Produkten, auch bei ENGEL. Die Zukunft wird Recycling Materialien in eine Vielzahl von neuen Applikationen bringen. Zudem verändern zukünftige Entwicklungen – insbesondere ein steigender Rohölpreis die kommerzielle  Attraktivität des Einsatzes von Recycling Material.

Post-Consumer-Material spielt in der Praxis eine steigende Rolle

Ganz ohne Fortschritt ist die Entwicklung aus Kilians Sicht dennoch nicht. Relevanz habe vor allem die Frage, wie sich Post-Consumer-Materialien in bestehende Prozesse integrieren lassen. „Wie können wir Post-Consumer-Materialien mitverarbeiten? Spielt eine große Rolle“, sagte er. Besonders wichtig sei das in Bereichen mit großvolumigen oder dickwandigen Teilen. Dort beschäftigen sich Unternehmen seit Jahren mit dem Einsatz von Rezyklaten und mit der Anpassung ihrer Prozesse. In diesem Bereich konnte sich Recycling zunächst aus Kostengründen etablieren und bis heute halten.

IKV-Kolloquium zeigt die Themen der Branche

Das IKV-Kolloquium sieht Kilian als wichtigen Treffpunkt für die Kunststoffbranche im deutschsprachigen Raum. Die Veranstaltung sei „der große Treffpunkt im deutschsprachigen Bereich, um das Thema Kunststoff aus allen Seiten zu beobachten“. Inhaltlich hätten aus seiner Sicht vor allem künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Schäumen, Polyurethan und Recycling das Bild geprägt. Einen einzelnen neuen Megatrend sieht er allerdings nicht. Gerade das bewertet er positiv. Für ihn zeigt sich darin, dass viele Technologien inzwischen die Phase des Hypes hinter sich gelassen haben und nun in der praktischen Umsetzung angekommen sind. Das gelte etwa für Digitalisierung und künstliche Intelligenz, wo es inzwischen stärker um konkrete Anwendungen in Verarbeitung, Werkzeugdesign und Simulation gehe.

Perspektive Fakuma

Für die kommenden Monate erwartet Kilian deshalb vor allem Fortschritte in der Umsetzung. Entscheidend werde sein, Ideen aus der K tatsächlich in industrielle Anwendungen zu überführen. „Ich erwarte mir schon technologische Neuerungen“, sagte er mit Blick auf die Fakuma. Zugleich rechnet er mit stärkerem Wettbewerbsdruck. Insgesamt zeichnet er damit ein differenziertes Bild. Beim Schäumen sieht er eine Technologie, die in wichtigen Anwendungen gefragt bleibt und in einzelnen Feldern weiter wächst. Beim Recycling ist die Richtung zwar klar, der Fortschritt bleibt jedoch mühsam, solange wirtschaftliche Anreize und regulatorische Anforderungen nicht stärker zusammenwirken. Womöglich könnten die ansteigenden Grundstoffpreise dem Recycling in den kommenden Wochen und Monaten neuen Auftrieb geben.

Bild ganz oben: Im Gespräch mit Dr. Johannes Kilian auf dem IKV-Kolloquium in Aachen. Foto: Circular Technology

Von fil