Atmosphärenmessungen zeigen in Deutschland einen bislang unterschätzten Hotspot für Schwefelhexafluorid. Das Gas ist rund 24.300-mal klimaschädlicher als CO₂. Die höchsten Werte verorten Forschende in der Region Heilbronn.
Schwefelhexafluorid, kurz SF₆, gehört zu den stärksten bekannten Treibhausgasen. Ein Kilogramm des farb- und geruchlosen Gases wirkt über 100 Jahre etwa so stark auf das Klima wie rund 24 Tonnen Kohlendioxid. Eingesetzt wird SF₆ vor allem als Isolier- und Schutzgas in elektrischen Schaltanlagen. Früher wurde es in Deutschland auch in Schallschutzfenstern und Sportschuhen verwendet. Die Nutzung in Schallschutzfenstern ist seit 2006 verboten.
Rund 30 Tonnen pro Jahr
Eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes zeigt nun, dass sich SF₆-Emissionen mit Atmosphärenmessungen und Modellrechnungen räumlich genauer bestimmen lassen als bisher. Dafür wurden Messdaten des UBA an der Zugspitze, des Taunus-Observatoriums der Goethe-Universität Frankfurt und des europäischen ICOS-Netzwerks zusammengeführt. Das Ergebnis ist deutlich. In Südwestdeutschland liegt ein Emissionshotspot, für den im Zeitraum 2021 bis 2023 rund 30 Tonnen SF₆ pro Jahr abgeschätzt wurden. Diese räumliche Konzentration passt laut UBA nicht zu den bisher offiziell gemeldeten Emissionsquellen, die eher eine gleichmäßigere Verteilung erwarten ließen. Umgerechnet auf CO2-Äquivalente entsprechen die 30 t SF6 rund 720.000 t. Das ist ungefähr der jährliche Treibhausgas-Fußabdruck von rund 70.000 Menschen in Deutschland.
Die Goethe-Universität Frankfurt verortet die höchsten Emissionen genauer in der Region Heilbronn. Dort lägen sie bei rund 30 Tonnen jährlich, was etwa einem Drittel der gesamten deutschen SF₆-Emissionen entspreche. Auffällig sei, so die Hauptautorin der Studie, dass sich in diesem Gebiet die einzige den Forschenden bekannte Produktions- und Recyclinganlage für SF₆ in Europa befinde.
Mögliche Lücke in der Emissionsbilanzierung
Damit rückt nicht nur ein einzelnes Gas in den Fokus, sondern auch eine mögliche Lücke in der Emissionsbilanzierung. Bisher wurde angenommen, dass heutige SF₆-Emissionen in Deutschland vor allem aus der Entsorgung alter Schallschutzfenster stammen. Die neuen Messungen legen nahe, dass die tatsächliche regionale Verteilung anders aussieht.
Für das UBA ist die Studie deshalb ein Beleg für den Nutzen kontinuierlicher Atmosphärenmessungen. Sie können gemeldete Emissionsdaten überprüfen, unbekannte Quellen sichtbar machen und die Grundlage für gezieltere Minderungsmaßnahmen liefern. Neben SF₆ nimmt die Untersuchung auch Stickstofftrifluorid, NF₃, in den Blick. Auch dieses Gas ist sehr langlebig und klimaschädlich, wird in Deutschland aber erst seit Februar 2023 kontinuierlich gemessen.
Die UBA-Meldung selbst nennt nur eine „Produktions- und Recyclinganlage für SF₆ in Europa“ in dem Gebiet. Im Zentrum der Untersuchungen steht laut baden-württembergischen Umweltministeriums das Solvay-Werk in Bad Wimpfen. Die Behörde wertet die Studie als ernstzunehmenden Hinweis, dass Solvay Quelle der überhöhten SF₆-Emissionen sein kann. Juristisch verweist das Ministerium zugleich darauf, dass die Modellierung allein wegen des großen Erfassungsgebiets nicht als harter Nachweis ausreiche.
Bild oben: Schwefelhexafluorid ist eines der klimaschädlichsten Gase überhaupt. Abbildung: Circular Technology mit Chat GPT
