Beim 8. Praxisforum Kunststoffrezyklate des Fraunhofer LBF in Darmstadt wurde deutlich, wie eng Regulierung, Materialqualität und industrielle Umsetzbarkeit inzwischen zusammenhängen. Die Branche sucht nicht mehr nur nach höheren Rezyklatanteilen, sondern nach belastbaren Wegen, diese dauerhaft und sicher in Anwendungen zu bringen.
Kunststoffrezyklate sollen mehr leisten denn je. Sie sollen CO₂-Emissionen senken, Rohstoffabhängigkeiten reduzieren, regulatorische Vorgaben erfüllen und zugleich die technischen Anforderungen industrieller Anwendungen einhalten. Wie anspruchsvoll dieser Spagat ist, zeigte das 8. Praxisforum Kunststoffrezyklate, das am 25. und 26. März 2026 vom Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF in Darmstadt ausgerichtet wurde. Der Schwerpunkt der Veranstaltung lag auf dem werkstofflichen Recycling. Das Programm umfasste unter anderem Märkte und Standards, Qualitätsverbesserung, Anwendungen, Analytik, Masterbatches, Compounds und KI für Rezyklatkunststoffe.
Zwischen Anspruch und industrieller Realität
Der rote Faden der Vorträge war klar. Kreislaufwirtschaft entscheidet sich nicht an einer einzelnen Technologie. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von recyclinggerechtem Design, sortenreinen Stoffströmen, passender Aufbereitung, belastbarer Analytik und funktionierenden Märkten. Genau daran arbeitet die Branche. Genau dort liegen aber auch die größten Hürden.
Das Forum machte deutlich, dass der Begriff Rezyklatqualität inzwischen sehr viel weiter gefasst werden muss. Es geht nicht nur um die Frage, ob ein Kunststoff erneut verarbeitet werden kann. Entscheidend ist, ob er sich reproduzierbar in anspruchsvollen Anwendungen einsetzen lässt. Dafür müssen Geruch, flüchtige Bestandteile, mechanische Kennwerte, regulatorische Anforderungen und die Herkunft der Stoffströme zusammen betrachtet werden.
Rezyklate werden zur strategischen Ressource

Klaus Kirr von Porsche Consulting ordnete das Thema strategisch ein. Für die Automobilindustrie sei Kreislaufwirtschaft weniger ein reines Nachhaltigkeitsthema als eine Frage der Resilienz. Wer künftig nicht wisse, woher Rohstoffe kommen und welche Wertströme in einem zirkulären System tatsächlich verfügbar sind, werde Schwierigkeiten bekommen. Besonders deutlich wurde seine Aussage mit Blick auf Post-Consumer-Rezyklate. Nach Einschätzung von Porsche Consulting könnte die Versorgung mit PCR in den 2030er-Jahren zu einem Engpass werden, wenn die Automobilindustrie nicht frühzeitig eigene Kreisläufe und belastbare Beschaffungsstrukturen aufbaut.
Dabei geht es nicht allein um Recycling im engeren Sinn. Kirr betonte, dass für OEMs Remanufacturing und die Wiederverwendung von Bauteilen höhere Wertschöpfungspotenziale bieten als das reine werkstoffliche Recycling. Zugleich könnten neue regulatorische Anforderungen die Preislogik für Rezyklate verändern. Heute folgten PCR-Preise noch stark den Rohstoffpreisen. Mit zunehmenden Einsatzpflichten und begrenztem Angebot könne sich dieses Verhältnis verschieben. Für 2032 erwartet Porsche Consulting deutliche Preiseffekte bei mehreren Materialien, insbesondere bei PP, das in der Automobilindustrie eine zentrale Rolle spielt.
Geruch bleibt eine technische Hürde
Wie schwierig hochwertige Rezyklate aus flexiblen Verpackungen herzustellen sind, zeigte Prof. Dr.-Ing. Achim Grefenstein vom IKV der RWTH Aachen. Sein Vortrag widmete sich Gerüchen und flüchtigen Kontaminanten in Post-Consumer-Rezyklaten aus flexiblen PE-Verpackungen. Polyolefine seien kontaktkritisch, weil sie Fremdstoffe aufnehmen können. Grefenstein verglich sie mit einem Schwamm. Gelangen etwa Ölreste oder Bestandteile von Füllgütern in den Sammelstrom, können diese in Polyolefine migrieren. Das erklärt, warum Rezyklate aus flexiblen Verpackungen häufig an Geruch, Migration oder flüchtigen Bestandteilen scheitern, obwohl die polymertechnische Basis grundsätzlich geeignet wäre.
Grefenstein plädierte deshalb für eine doppelte Strategie. Verpackungen müssten recyclinggerecht gestaltet werden, zugleich brauche es leistungsfähigere Recyclingtechnik. Mechanisches Recycling bleibe unverzichtbar, weil chemisches Recycling allein die Mengenanforderungen nicht erfüllen könne. Zugleich müsse die Effizienz chemischer Verfahren verbessert werden, wo diese für bestimmte Stoffströme nötig sind.
Qualität muss messbar werden
Im Projekt „Smell-Stop“ wurden unter anderem Doppelschneckenextruder, Planetwalzenextruder, Vakuumentgasung und Wasser als Stripping-Mittel eingesetzt. Der Ansatz zielt darauf, flüchtige Bestandteile aus dem Material auszutreiben und die Qualität der Rezyklate messbar zu verbessern. Die Bewertung erfolgte nicht nur sensorisch, sondern auch analytisch über GC-MS-Messungen, bei denen flüchtige Substanzen bei 90 Grad Celsius erfasst wurden. In den vorgestellten Versuchen ließen sich die Peaks flüchtiger Bestandteile durch Entgasung deutlich reduzieren.
Damit wurde deutlich, dass die Branche für hochwertige Rezyklate belastbare Messmethoden braucht. Der Geruch eines Materials bleibt in der Praxis relevant, für industrielle Freigaben reichen subjektive Eindrücke jedoch nicht aus. Entscheidend ist, ob die Belastung durch flüchtige Komponenten quantifiziert und durch geeignete Prozessführung reduziert werden kann.
Mehrschichtfolien fordern die Kreislaufwirtschaft heraus
Einen industriellen Blick aus der Verpackungsbranche brachte Dr. Kylie König von SÜDPACK ein. Das Unternehmen produziert Mehrschichtfolien, die nach ihren Angaben bis zu 30 Schichten enthalten können. Da jede Schicht neben Polymeren auch Additive enthalten kann, entstehen hochkomplexe Materialsysteme. SÜDPACK verarbeitet jährlich rund 150.000 Tonnen Polymer. Der Bereich Compounding entstand unter anderem, um eigene Materialabfälle wieder in Folien und andere Anwendungen zurückzuführen.
König machte deutlich, dass ein Zero-Waste-Ansatz bei Mehrschichtfolien technisch anspruchsvoll bleibt. Interne Produktionsabfälle lassen sich zum Teil regranulieren und wieder einsetzen. Bei sehr dünnen Folien mit vielen Schichten bleiben jedoch Materialanteile übrig, die nicht ohne Weiteres zurückgeführt werden können. Hinzu kommen bei zurückgenommenen Lebensmittelverpackungen praktische Probleme wie organische Rückstände und Gerüche. SÜDPACK sieht deshalb chemisches Recycling als ergänzenden Baustein, nicht als Ersatz für mechanische Verfahren.
Compounding als Brücke zur Anwendung

Im Compounding- und Recycling-Center in Schwendi betreibt SÜDPACK vier Regranulierlinien und vier Doppelschneckenextruder. Die Kapazität liegt bei 10.000 Tonnen pro Jahr im Compounding und 3.000 Tonnen in der Regranulierung. Damit positioniert sich das Unternehmen nicht als klassischer Recycler für gemischte Abfallströme, sondern als Technologiepartner für definierte Materiallösungen. Verarbeitet werden unter anderem PIR-Materialien, PCR-Materialien, chemisch recycelte Polymere sowie maßgeschneiderte Compounds mit Additiven, mineralischen Füllstoffen, Glasfasern oder Glaskugeln.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage, wie sich Rezyklate gezielt auf technische Anforderungen einstellen lassen. Hier spielte das Projekt KIOptiPack eine wichtige Rolle. Fraunhofer UMSICHT beschreibt KIOptiPack als Innovationslabor für Design und Produktion innerhalb der BMBF-Fördermaßnahme „KI-Anwendungshub Kunststoffverpackungen“. Ziel ist es, KI-gestützte Werkzeuge für nachhaltiges Produktdesign und qualitätsgerechte Produktion von Kunststoffverpackungen mit hohem Rezyklatanteil bereitzustellen. SÜDPACK gehört zu den Projektpartnern.
KI soll Rezepturen planbarer machen
Im SÜDPACK-Beispiel ging es unter anderem um PCR-PP, dessen Schlagzähigkeit häufig nicht ausreicht, etwa bei spritzgegossenen Bauteilen. Durch Compounding mit Neuware, PCR, mineralischen Füllstoffen und Schlagzähmodifikatoren sollten Schlagzähigkeit und Steifigkeit zugleich erreicht werden. Die Modellierung nutzte vier Prädiktoren. Neuware-PP, PCR-PP, mineralische Füllstoffe und Schlagzähmodifikatoren. Die Daten wurden auf einem Doppelschneckenextruder erzeugt.
In den vorgestellten Ergebnissen wurde bei 50 Prozent PCR-Anteil eine Schlagzähigkeit von 15 kJ/m² erreicht, während der definierte Zielwert bei 5 kJ/m² lag. Bei 70 Prozent PCR sank der Wert, blieb aber durch geeignete Rezeptierung nutzbar. König verwies zugleich darauf, dass das eingesetzte PCR nicht aus dem Gelben Sack stammte, sondern aus sauberen medizinischen Anwendungen. Dieser Hinweis ist wesentlich, weil er zeigt, wie stark die Materialquelle über die erreichbare Qualität entscheidet.
CO₂-Bilanz wird zum Entscheidungskriterium
Auch die Klimawirkung wurde konkret beziffert. Nach Angaben von SÜDPACK reduzierte ein biobasiertes PP mit 90 Prozent Bio-Anteil den Fußabdruck um 66 Prozent. Ein PIR-Folienmaterial mit 60 Prozent Recyclinganteil und Ökostrom sparte 32 Prozent. Ein PCR-Material mit 44 Prozent Recyclinganteil kam auf 40 Prozent CO₂-Einsparung.
Damit wurde deutlich, dass Rezyklateinsatz und CO₂-Reduktion zusammen gedacht werden müssen. Entscheidend ist jedoch die konkrete Materialquelle, die Aufbereitung und der eingesetzte Energiemix. Ein hoher Rezyklatanteil allein ist noch kein belastbarer Nachhaltigkeitsnachweis. Die ökologische Bewertung muss an die tatsächliche Rezeptur und den Prozess gekoppelt werden.
Verbundstoffe brauchen eigene Wege
Dass Kreislaufwirtschaft nicht nur Verpackungen betrifft, zeigte Marcus Leistner von KRAHN Chemie Deutschland. Sein Thema waren flexible PVC/PET-Verbundstoffe, etwa aus Lkw-Planen, Kunstleder oder vergleichbaren beschichteten Textilien. Diese Stoffströme sind mengenmäßig kleiner als klassische Massenkunststoffe, aber keineswegs unbedeutend. Die Verbunde bestehen typischerweise aus einem PET-Textilrücken und mehreren PVC-Schichten. Dazu zählen etwa eine Haftschicht, eine Zwischenlage, eine Deckschicht und teilweise ein Lack.
Mechanisches Recycling stößt hier schnell an Grenzen. Die Trennung der Schichten ist schwierig, und Restverunreinigungen in den einzelnen Polymerfraktionen können die Einsatzmöglichkeiten stark begrenzen. Chemisches Recycling ist wegen des Chlorgehalts von PVC ebenfalls anspruchsvoll. KRAHN untersuchte deshalb ein physikalisches Recyclingverfahren, das zwischen mechanischem und chemischem Recycling angesiedelt ist. Der Ansatz soll helfen, solche Verbundstoffe wieder als Rohstoff nutzbar zu machen.
Sortierung entscheidet über den Prozess
Leistners Beispiel zeigte zugleich, wie stark der Erfolg eines Recyclingverfahrens von der Vorstufe abhängt. Werden unterschiedliche beschichtete Textilien gemeinsam gesammelt, können etwa Naturfasern in Lösungsmitteln aufquellen und Filterprozesse blockieren. Damit verschiebt sich der Blick auf die gesamte Kette. Kreislauffähigkeit beginnt nicht erst im Extruder oder im Reaktor, sondern bereits bei Materialdesign, Erfassung und Sortierung.
Diese Erkenntnis zieht sich durch viele Anwendungen. Je komplexer ein Produkt aufgebaut ist, desto genauer müssen die Anforderungen an Sammlung und Vorbehandlung definiert werden. Andernfalls entstehen Stoffströme, die zwar theoretisch recycelbar sind, praktisch aber nur mit hohem Aufwand oder in minderwertigen Anwendungen eingesetzt werden können.
Additive stabilisieren schwankende Materialströme
Viktoria Rothleitner von Polytives lenkte den Blick auf eine weitere Stellschraube. Rezyklate schwanken in ihrer Zusammensetzung und in ihren Verarbeitungseigenschaften. Hohe oder wechselnde Viskositäten können dazu führen, dass ein Material noch extrudierbar ist, aber nicht mehr für den Spritzguss geeignet erscheint.
Polytives entwickelt polymere Verarbeitungshilfsmittel, die selbst aus Polymeren bestehen und die Schmelzviskosität beeinflussen. Rothleitner beschrieb den Effekt als physikalisch, nicht reaktiv. Die Additive sollen nicht migrieren und nicht mit anderen Bestandteilen der Polymermatrix reagieren. Daraus ergibt sich ein Ansatz, um Prozessfenster zu erweitern, ohne die Polymermatrix chemisch stark zu verändern.
Rezyklierbarkeit darf nicht verloren gehen

Damit adressiert Polytives ein Kernproblem des Rezyklateinsatzes. Wenn Verarbeiter die Prozessfenster stabilisieren können, ohne das Material in seiner weiteren Rezyklierbarkeit zu beeinträchtigen, steigt die Chance, Rezyklate mehrfach zu nutzen. Rothleitner grenzte diesen Ansatz von Methoden wie Peroxiden oder Kettenverlängerern ab, die zwar Viskositäten verändern können, aber für spätere Recyclingzyklen neue Unsicherheiten schaffen.
Gerade bei schwankenden Stoffströmen ist diese Frage zentral. Rezyklate müssen nicht nur einmal funktionieren. Sie sollen möglichst mehrfach in Kreisläufen geführt werden. Dafür braucht es Additive und Verarbeitungshilfen, die Performance verbessern, ohne neue Barrieren für den nächsten Recyclingdurchlauf aufzubauen.
Kein Königsweg für alle Stoffströme
Am Ende zeichnete das Forum ein nüchternes, aber konstruktives Bild. Die Kreislaufwirtschaft der Kunststoffe ist technologisch möglich, aber sie verlangt mehr Präzision als viele Marktdebatten vermuten lassen. Mechanisches Recycling bleibt zentral, muss jedoch bei anspruchsvollen Anwendungen durch bessere Sortierung, Entgasung, Dekontamination, Compounding, Additive und Analytik unterstützt werden. Chemische und physikalische Verfahren ergänzen dort, wo mechanische Prozesse an Grenzen stoßen.
Auffällig war, dass die Vorträge kaum einfache Lösungen versprachen. Stattdessen ging es um Materialwissen, Prozessverständnis und belastbare Daten. Das ist weniger plakativ als hohe Rezyklatquoten, aber für industrielle Anwendungen entscheidend. Wer Rezyklate in Automotive, Verpackung, Bau, Konsumgütern oder technischen Kunststoffteilen einsetzen will, braucht definierte Eigenschaften und nachvollziehbare Stoffströme.
Vom politischen Ziel zur industriellen Praxis
Die wichtigste Botschaft aus Darmstadt war deshalb grundlegend. Rezyklate werden nicht allein dadurch marktfähig, dass sie verfügbar sind. Sie müssen definierte Eigenschaften, stabile Qualität und nachvollziehbare Herkunft bieten. Erst dann können sie vom politischen Ziel zur industriellen Realität werden.
Das Praxisforum zeigte, dass die Branche dafür viele Bausteine entwickelt hat. Dazu gehören KI-gestützte Rezepturentwicklung, verbesserte Entgasung, neue Additivkonzepte, physikalische Recyclingverfahren, Compounding-Kompetenz und ein genauerer Blick auf CO₂-Bilanzen. Entscheidend wird nun sein, diese Ansätze in robuste industrielle Prozesse zu überführen. Nur dann kann Kreislaufwirtschaft mehr werden als eine regulatorische Vorgabe. Sie wird dann zu einem Qualitätsversprechen.
Bild ganz oben: Der Beirat des Praxisforum Kunststoffrecycling. Foto: Circular Technology
