Von Remanufacturing bis zum modularen Bauen, im Verteidigungsressort wird Kreislaufwirtschaft konkreter. Doch wo sich Nachhaltigkeitsziele und militärische Anforderungen berühren, hat die Einsatzbereitschaft Vorrang.
Nachhaltigkeit hat im Verteidigungsressort strategisches Gewicht gewonnen. Das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) verankert sie in seiner Nachhaltigkeits- und Klimaschutzstrategie als Leitprinzip, knüpft diesen Anspruch aber an eine klare Bedingung. Auftrag und Einsatzbereitschaft der Streitkräfte dürfen dadurch nicht beeinträchtigt werden. Auch die Behörde formuliert diesen Vorrang unmissverständlich. „Aufgrund der veränderten Sicherheitslage und der geforderten Kriegstüchtigkeit genießt die schnelle Deckung militärischer Bedarfe aktuell höchste Priorität, wobei gesetzliche Nachhaltigkeitsvorgaben weiterhin den verbindlichen Rahmen bilden“, sagt ein Sprecher des Bundesamtes für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUDBw).
Beschaffung entlang des Lebenszyklus

In der Beschaffung rückt die Bundeswehr Kreislaufwirtschaft vor allem aus der Perspektive von Nutzungsdauer, Instandhaltung und Verfügbarkeit in den Blick. Nach Angaben der Bundeswehr liegt der Schwerpunkt des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) bei Rüstungsprojekten und Produkten mit Waffensystembezug. Das BAIUDBw beschafft überwiegend handelsübliche und zivile Güter, Dienstleistungen und Infrastrukturmaßnahmen. Zugleich zeigt der Nachhaltigkeitsbericht 2024 des Verteidigungsministeriums, dass nachhaltige Beschaffung organisatorisch unterlegt ist, etwa mit einem Leitfaden, einem ressortweiten Netzwerk und der Arbeitsgruppe „Nachhaltigkeit und Klimaschutz im Beschaffungsprozess“ im BAAINBw.
So beschreibt die Behörde auch ihren Beschaffungsansatz. „Im Fokus steht der gesamte Produktlebenszyklus – von der Instandhaltung bis zur Ersatzteilbeschaffung – um die Nutzungsdauer von Material zu maximieren“, sagt ein Sprecher des BAIUDBw. Unmittelbar danach setzt die Behörde die entscheidende Grenze. „Trotz der Verankerung von Nachhaltigkeitszielen, wie Langlebigkeit und Recyclingfähigkeit, steht die Einsatzfähigkeit stets im Mittelpunkt.“ Damit rücken in der Beschaffung vor allem jene Elemente in den Vordergrund, die Material länger nutzbar und verfügbar halten.
Wiederaufbereitung als praktischer Hebel
Besonders greifbar wird dieser Ansatz beim Remanufacturing. „Ein zentraler Hebel der Nachhaltigkeit ist das Remanufacturing, bei dem Rüstungsgüter, technische Geräte und Materialien durch industrielle Wiederaufbereitung leistungsfähig gehalten werden, sofern Qualitäts- und Sicherheitsstandards dies zulassen“, sagt ein Sprecher des BAIUDBw. In derselben schriftlichen Stellungnahme hebt die Behörde zudem hervor, dass Sicherheit, Verfügbarkeit und resiliente Lieferketten in der aktuellen geopolitischen Lage von enormer Relevanz seien. Diese Prioritäten passen zur strategischen Linie des Ministeriums, das Nachhaltigkeit ausdrücklich auch mit Resilienz und Versorgungssicherheit verknüpft.
Einen weiteren Ansatz sieht die Behörde im Erhalt und in der Sanierung von Bestandsgebäuden, um Neubauten zu reduzieren. Auch hier zeigt sich ein sehr pragmatisches Verständnis von Kreislaufwirtschaft. Im Vordergrund stehen längere Nutzung, geringerer Ersatzbedarf und ein robusterer Bestand.
Infrastruktur unter hohem Zeitdruck
Wie stark die Bundeswehr derzeit unter Beschleunigungsdruck steht, zeigt auch der politische Rahmen. Der Bundestag beschloss am 15. Januar 2026 das Gesetz zur beschleunigten Planung und Beschaffung für die Bundeswehr. Nach Angaben der Bundesregierung trat es am 14. Februar 2026 in Kraft. Ziel ist es, die Beschaffung zu vereinfachen und zugleich Bau und Sanierung von Bundeswehrgebäuden zu beschleunigen.

Auch die Infrastrukturplanung folgt dieser Logik. Nach Angaben der Behörde richtet sich die Bundeswehr auf Landes- und Bündnisverteidigung aus und soll in den kommenden Jahren auf 460.000 Soldatinnen und Soldaten einschließlich Reserve anwachsen. Um den Bedarf an Unterbringung, Ausbildung, Instandsetzung, Verpflegung und Lagerflächen zeitgerecht zu decken, setzt sie auf Standardplanungen, funktionale Clusterungen sowie serielles und modulares Bauen. Parallel dazu kündigte das Verteidigungsministerium im Oktober 2025 an, 270 neue Kompaniegebäude in serieller Bauweise in Auftrag zu geben, die ab 2027 errichtet werden sollen.
Die Behörde schlägt dabei ausdrücklich die Brücke zur Kreislaufwirtschaft. „Diese Ansätze sparen Zeit und Kosten und fördern durch demontierbare Holz- oder Hybridkonstruktionen die Kreislaufwirtschaft“, sagt ein Sprecher des Bundesamtes für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr.
Standards bleiben bestehen, die Anwendung wird enger
Für nachhaltiges Bauen im Bundesbau gilt ein klarer amtlicher Rahmen. Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) beschreibt das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) als verbindliche Grundlage für nachhaltige Gebäude des Bundes. Zudem verweist das Ministerium darauf, dass die Energieeffizienzfestlegungen Bundesgebäude über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehen.
Im Verteidigungsressort fällt die praktische Anwendung jedoch enger aus. „Aufgrund eines erhöhten Aufwands, hoher Kosten und Zeitdrucks wird die Anwendung des BNB im Geschäftsbereich des BMVg auf gesetzliche Mindestanforderungen beschränkt“, sagt ein Sprecher des BAIUDBw. In derselben Stellungnahme heißt es außerdem, die Energieeffizienz im militärischen Bundesbau werde durch die Energieeffizienzfestlegungen Bundesgebäude (EEFB) gesichert, während detaillierte Materialkataster bislang noch die Ausnahme bildeten.
Bauherr Bund, Umsetzung durch die Länder
Auch bei der Rollenverteilung im Bau setzt die Bundeswehr auf eingespielte Strukturen. Nach Angaben der Behörde fungiert sie als Bauherr, während die Landesbauverwaltungen im Rahmen der Organleihe Projektsteuerung, Planung, Ausschreibung und Bauüberwachung übernehmen. Grundsätzlich ist auch im Bundesbau des Bundes dokumentiert, dass Bauaufgaben im Wege der Organleihe an die Bauverwaltungen der Länder übertragen werden.
Für die Materialwahl beschreibt die Behörde einen pragmatischen Kurs. „Dabei wird – sofern wirtschaftlich und planbar – verstärkt auf CO₂-arme Baustoffe wie Holz oder Recycling-Materialien gesetzt“, sagt ein Sprecher des BAIUDBw.
Nachhaltigkeit als Mittel zur Einsatzfähigkeit
Aus den Strategiepapieren des BMVg und den Stellungnahmen des BAIUDBw ergibt sich damit ein konsistentes Bild. Nachhaltigkeit ist im Verteidigungsressort politisch gesetzt und organisatorisch unterlegt. Konkret wird Kreislaufwirtschaft vor allem dort greifbar, wo sie längere Nutzungsdauern, Wiederaufbereitung, Bestandserhalt oder effizientere Bauprozesse unterstützt. Wo Nachhaltigkeitsziele mit militärischen Anforderungen kollidieren, bleibt jedoch die Einsatzbereitschaft das vorrangige Kriterium. Genau darin liegt die Logik, mit der die Bundeswehr Nachhaltigkeit in Beschaffung und Infrastruktur derzeit behandelt.
Bild ganz oben: Bei der Bundeswehr werden auch Aspekte der Nachhaltigkeit bei der Beschaffung berücksichtigt. Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Ja Christian Kaak, erhält hier eine Einweisung an 3 D Druckern an der Marinetechnikschule. Foto: Bundeswehr/Nico Theska
