Über 20 Jahre lang hat HanseGrand an einem Konzept gearbeitet, das heute in Kopenhagens Operapark sowie auf 120.000 Quadratmetern im Athen-Projekt realisiert wird: wasserdurchlässige Infrastruktur, die kühlt, entwässert und trägt. Wir sprechen mit Timon Pott über Klimabaustoffe, Schwammstädte und die Frage, warum Verdunstung wichtiger ist als Versickerung.

Klimabaustoffe ist eine Bezeichnung, die HanseGrand vor über 20 selbst geprägt hat. Heute werden die Produkte des norddeutschen Unternehmens europaweit in Projekten von touristischen Landschaftsräumen bis zu urbanen Infrastrukturen eingesetzt. Die Geschichte von HanseGrand beginnt in einem anderen Bereich, aber über zwei Jahrzehnte hat sich das Unternehmen zum Spezialisten für wasserdurchlässige Wegedecken entwickelt.

Timon Pott, Geschäftsführer des Unternehmens aus Selsingen, rund 50 Kilometer südöstlich von Bremerhaven, erklärt die Ursprünge: „Klimabaustoffe haben wir uns in der Tat vor 20 Jahren mal als Gattungsbegriff ausgedacht. Der Begriff wird mittlerweile auch von anderen genutzt.” Das Konzept entstand aus der Arbeit an Landes- und Bundesgartenschauen, wo HanseGrand zunächst Parkwege und Gestaltungsflächen realisierte. Aus dieser Erfahrung heraus wuchs eine Unternehmensausrichtung, die heute vor allem funktionale, infrastrukturelle Aufgaben löst.

Was sind Klimabaustoffe? Die Logik der Schwammstadt

Der Begriff klingt zunächst nach Dämmbaustoffen oder Innenausbau – eine verständliche Fehlinterpretation. Doch Klimabaustoffe bei HanseGrand meinen etwas anderes. Pott stellt klar: „Wir machen Infrastrukturprodukte. Insbesondere für die blau-grüne Infrastruktur.”

Der Fokus liegt auf drei zentralen Aufgaben: Entsiegelung von Oberflächen, Schaffung von Verdunstungsflächen in Städten und klimaadaptives Bauen im Sinne der Schwammstadt. Dabei werden natürliche, gebrochene und ungebrochene Steine – also Kies, Sand und Splitt – so miteinander kombiniert, dass wasserdurchlässige, gleichzeitig tragfähige Wegedecken entstehen.

Das Kerngeschäft umfasst Radwege, Wirtschaftswege, Parkplätze und öffentliche Plätze. In Schleswig-Holstein ist HanseGrand bekannt für umfangreiche Radwegenetze. Ein prominentes Beispiel ist die Insel Fehmarn, auf der die kompletten Fahrradwege mit der Decke des Unternehmens ausgestattet wurden – eine kontinuierliche Arbeit über 12 bis 15 Jahre hinweg.

Die handwerkliche Seite: Dezentrale Produktion mit regionalen Materialien

HanseGrand produziert nicht in einem zentralisierten Werk. Stattdessen kooperiert das Unternehmen mit etwa 35 bis 40 Standorten in Deutschland , die mit regionalen Rohstoffen arbeiten. Pott erläutert die Logik: „Wir schauen in der jeweiligen Region: Welche Rohstoffe gibt es, welche Steinbrüche, welche Sande, Kiese? In Schleswig-Holstein zum Beispiel gibt es nur Kieswerke, Steine müssen importiert werden. Aber was gibt es sonst vor Ort? Und bei unseren Qualitätsansprüchen für die Kunden geht es darum: Wie mischt man das am besten zusammen, damit eine wirklich sehr gut liegende Oberfläche, eine wasser- und halbgebundene Wegedecke herauskommt?“

Diese dezentrale Struktur hat Vorteile: Sie reduziert Transportwege, nutzt vorhandene Ressourcen und schafft lokale Wertschöpfung. Die Qualitätskontrolle erfolgt nach strengen Standards, um sicherzustellen, dass die Oberflächen langlebig und funktional sind.

Wasserdurchlässigkeit und Verdunstung: Die klimatische Wirkung

Aufbau eines Radweges. Abbildung: HanseGrand

Ein zentrales Merkmal der HanseGrand-Produkte ist ihre Wasserdurchlässigkeit. Bei normalem Regen speichern die Oberflächen etwa 30 Prozent in den obersten 10 Zentimetern – Wasser, das sowohl für die Bindung der Wegedecke benötigt wird als auch kapillar nach oben gezogen und wieder an die Umwelt abgegeben wird. Das restliche Wasser – etwa 30 bis 40 Prozent – versickert. Bei Starkregen werden große Mengen über das eingebaute Profilsystem zur Seite abgeführt, wie auch im klassischen Straßenbau üblich.

Das Besondere: Die Verdunstung dieses Wassers hat eine lokale Kühlwirkung. Pott erklärt: „Es geht nicht nur ums Versickern, sondern auch ums Verdunsten, damit vor Ort eine Kühlung entsteht. Wir hatten dieses Jahr einen wahnsinnig heißen Sommer. Durch die Verdunstungskälte, die dabei vor Ort entsteht, werden Hitzeinseln und das Mikroklima positiv beeinflusst.“

Die Oberflächentemperaturen verdeutlichen den Effekt. Ein dunkler Asphalt erreicht unter gleichen Bedingungen (etwa 35 Grad Außentemperatur) 60 Grad und mehr. HanseGrand-Flächen mit hellen Steinen und dem Albedo-Effekt (Strahlungsrückwurf) sowie Verdunstungskälte landen dagegen bei etwa 43 bis 44 Grad.

Neue Entwicklung: Die Hydrotragschicht

Während HanseGrand in klassischen Bereichen bereits etabliert ist, treibt das Unternehmen auch Innovationen voran. Die HanseGrand Hydrotragschicht ist eine jüngst entwickelte Produktlösung, die unter den bestehenden Oberflächenschichten eingebaut wird. Anders als konventionelle Schottertragschichten, die Wasser nach unten entwässern sollen, speichert die Hydrotragschicht Wasser – etwa das Doppelte einer normalen Tragschicht – und gibt es kapillar wieder ab.

Das System erweitert die Wasserspeicherkapazität von 10 Zentimetern Oberflächenschicht auf 30 bis 40 Zentimeter Gesamtaufbau, inklusive der neuen Tragschicht. Trotz dieser Wasserspeicherung bleibt die Struktur befahrbar und tragfähig. Sie erfüllt also klassische Infrastrukturanforderungen ebenso wie die neuen klimaadaptiven Funktionen.

Diese Hydrotragschichist Finalist beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2027 und ist auch Gewinnerin der GaLaBau-Innovationsmedaille der Nürnberger GaLaBau-Messe 2026.

Günstiger als Asphalt

Eine häufige Frage bei innovativen Lösungen betrifft die Kosteneffizienz. HanseGrand-Produkte sind im fertig eingebauten Zustand deutlich günstiger als Asphalt und auch preiswerter als Pflasterwege. Sie liegen zwischen diesen beiden etablierten Optionen und dem einfachen Schotterweg, wobei Pott unterstreicht, dass die Funktionalität eine völlig andere ist.

Die Kosteneffizienz bei verbesserter Funktionalität – Wasserdurchlässigkeit, lokale Kühlung, Biodiversitätsunterstützung, Wartbarkeit – macht die Produkte für städtische und regionale Planungsträger attraktiv.

Von Fehmarn bis Athen

HanseGrand arbeitet international. Auf europäischer Ebene sind bemerkenswerte Projekte realisiert worden. Der Operapark neben der Oper von Kopenhagen wurde mit HanseGrand-Wegen ausgebaut. Ein aktuell laufendes Großprojekt ist die Umgestaltung des ehemaligen Flughafens Ellinikon in Athen. Dieses Projekt umfasst eine Fläche, die etwa fünf- bis sechsmal so groß wie die Alsterfläche in Hamburg ist. Knapp 120.000 Quadratmeter HanseGrand-Wege sollen dort in den nächsten 3 bis 5 Jahren realisiert werden.

Bedeutung für den Markt und die Bauwirtschaft

HanseGrand positioniert sich innerhalb eines wachsenden Trends zur Schwammstadt und klimagerechten Urbanisierung. Die Kernidee ist einfach: Wasser sollte möglichst lokal verbleiben, gespeichert werden und wieder verdunsten bzw. lokal genutzt werden, statt in zentrale Abwassersysteme geleitet zu werden. Dies reduziert Belastungen auf Kanalnetze, trägt zur lokalen Temperaturkontrolle bei und unterstützt Biodiversität in urbanen Räumen.

Für die Bauwirtschaft bedeutet dies: Es gibt etablierte, kostengünstige Alternativen zu versiegelten Oberflächen, die gleichzeitig funktional robust sind und wirtschaftlich konkurrenzfähig bleiben.

Bild ganz oben: Timon Pott, Geschäftsführer von HanseGrand mit einer Probe des Granulats. Foto: Circular Technology

 

Von Philipp

Anmelden

Registrieren

Passwort zurücksetzen

Bitte gib deinen Benutzernamen oder deine E-Mail-Adresse an. Du erhältst anschließend einen Link zur Erstellung eines neuen Passworts per E-Mail.