Die Umstellung auf zirkuläre Geschäftsmodelle verspricht Milliardengewinne für die Industrie, stellt Unternehmen kalkulatorisch jedoch vor erhebliche Hürden. Ein neues, frei zugängliches Rechenwerkzeug des Wuppertal Instituts soll Betrieben künftig dabei helfen, die finanzielle Tragfähigkeit von Reparatur, Miete oder Refurbishment vorab präzise zu prüfen.
Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat ein praxisorientiertes Analysewerkzeug veröffentlicht, mit dem Unternehmen die Wirtschaftlichkeit zirkulärer Prozesse simulieren und bewerten können. Der sogenannte „Circular Economy Business Case Calculator“ setzt an einer zentralen Schwachstelle der industriellen Transformation an: Er schließt die Lücke zwischen makroökonomischen Potenzialen und den konkreten finanziellen Risiken auf Unternehmensebene.
Diskrepanz zwischen Makroökonomie und betrieblicher Praxis
Auf politischer und gesamtwirtschaftlicher Ebene gewinnt die Kreislaufwirtschaft spürbar an Dynamik. So verabschiedete das Bundeskabinett im Juni 2026 das Aktionsprogramm zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS). Eine Studie des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und der Boston Consulting Group (BCG) beziffert das zusätzliche Wertschöpfungspotenzial für die deutsche Industrie bis 2045 auf rund 880 Milliarden Euro.
Für einzelne Betriebe – insbesondere im Mittelstand – erweist sich die praktische Umsetzung jedoch oft als schwer kalkulierbar. Während volkswirtschaftliche Schätzungen und regulatorische Vorgaben zunehmen, fehlte es in der betrieblichen Praxis bislang an standardisierten Instrumenten, um Rentabilität und Amortisationszeiten einer Umstellung verlässlich abzubilden.
Komplexe Kostenstrukturen erfassen
Gegenüber traditionellen, linearen Geschäftsmodellen („Produzieren, Nutzen, Entsorgen“) bringt das zirkuläre Wirtschaften deutlich komplexere Kosten- und Leistungsstrukturen mit sich. Neben klassischen Fertigungskosten müssen Faktoren wie die Rückführungslogistik (Reverse Logistics), schwankende Rücklaufquoten, ungleiche Qualitäten gebrauchter Bauteile sowie Prüf-, Demontage- und Aufbereitungsaufwände einbezogen werden.
Das neue Tool ermöglicht es Anwendern, diese Parameter systematisch zu erfassen, verschiedene Zukunftsszenarien gegenüberzustellen und Schwellenwerte zu ermitteln, ab denen sich Investitionen rechnen. Bisherige Werkzeuge legten ihren Schwerpunkt meist auf ökologische Bilanzen oder volkswirtschaftliche Betrachtungen – das vorliegende Modell fokussiert sich gezielt auf die betriebswirtschaftliche Machbarkeit.
Entwicklung im EU-Projekt und freie Verfügbarkeit
Entwickelt wurde das tabellenbasierte Werkzeug im Rahmen des von der Europäischen Union über das Programm Horizon Europe geförderten Forschungsprojekts R-evolve. Obwohl der Entstehungshintergrund primär in der Möbelindustrie lag, ist das Modell branchenneutral aufgebaut und lässt sich auf unterschiedlichste Industriesektoren und Produktgruppen übertragen.
Das Programm steht interessierten Unternehmen als Excel-Arbeitsmappe unter einer offenen Creative-Commons-Lizenz (CC BY 4.0) auf der Plattform Zenodo kostenfrei zum Download zur Verfügung. Begleitende Leitfäden und Video-Tutorials unterstützen bei der konkreten Anwendung.
Bild ganz oben: Exemplarische Darstellung der Materialflüsse am Beispiel für ein generalüberholtes Produkt (Refurbished). Grafik: Wuppertal Institut
