Forschende der Empa und der ETH Zürich haben untersucht, wie sich Baumaterialien und Gebäudekomponenten aus dem Rückbau erneut verwenden lassen. Ein Maßnahmenkatalog zeigt, welche Veränderungen bei Rückbau, Planung und Vermarktung notwendig sind und wie Unternehmen bereits mit einzelnen Komponenten beginnen können.

Die Wiederverwendung von Baumaterialien und Gebäudekomponenten spielt in der Bauwirtschaft bislang eine untergeordnete Rolle. Dabei gehört der Sektor zu den größten Verbrauchern von Rohstoffen und verursacht erhebliche Abfallmengen. In der Schweiz entfallen laut Umweltbericht 2022 des Bundesrats rund 82,5 Prozent des gesamten Abfallaufkommens, gemessen am Gewicht, auf Bauabfälle. Gleichzeitig stammen nur etwa 14 Prozent der verbauten Materialien aus dem Recycling. Der Anteil direkt wiederverwendeter Komponenten liegt noch deutlich darunter.

Forschende der Empa und der ETH Zürich haben deshalb untersucht, wie sich die Wiederverwendung im Bausektor erleichtern lässt. Ana Bendiek-Laranjo, Vanessa Schwarzkopf, Jens Hunhevicz und Catherine De Wolf analysierten dazu europäische Strategien und führten Gespräche mit Akteuren der Schweizer Bauwirtschaft. Auf dieser Grundlage entwickelten sie einen Maßnahmenkatalog, der konkrete Einstiegsmöglichkeiten für verschiedene Beteiligte beschreibt.

Fehlende Informationen erschweren die Wiederverwendung

Eine wesentliche Herausforderung liegt im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Während Architekten und Projektverantwortliche bemängeln, dass gebrauchte Gebäudekomponenten häufig nicht in der benötigten Menge oder zum richtigen Zeitpunkt verfügbar sind, sehen Anbieter eine zu geringe Nachfrage. Ohne verbindliche Abnehmer lassen sich die Kosten für Ausbau, Lagerung und Vermarktung nur schwer rechtfertigen.

Hinzu kommen die Besonderheiten von Gebäuden. Anders als industriell gefertigte Serienprodukte sind sie häufig Einzelanfertigungen, die während ihrer Nutzungsdauer mehrfach verändert werden. Informationen über verbaute Materialien und Komponenten fehlen deshalb oft oder sind unvollständig.

Eine erneute Verwendung setzt jedoch voraus, dass Eigenschaften, Zustand und gegebenenfalls die Sicherheit eines Bauteils bekannt sind. Häufig müssen Komponenten dafür geprüft und neu zertifiziert werden.

Selektiver Rückbau als Ausgangspunkt

Auf der Angebotsseite sehen die Forschenden vor allem im selektiven Rückbau Potenzial. Dabei werden geeignete Bauteile vor dem Abriss möglichst unbeschädigt ausgebaut, um sie erneut verwenden zu können.

Bislang übernehmen diese Aufgabe häufig spezialisierte Bauteilbörsen. Nach Einschätzung des Forschungsteams könnten auch Abbruchunternehmen schrittweise entsprechende Angebote entwickeln. Als Einstieg eignen sich beispielsweise Türen, Heizkörper, Sanitärobjekte oder Stahlträger, die sich vergleichsweise einfach ausbauen und vermarkten lassen.

Voraussetzung ist ein Materialinventar, das die vorhandenen Komponenten einschließlich ihrer Menge und Qualität erfasst. Langfristig könnten digitale Produktpässe die notwendigen Informationen über mehrere Nutzungszyklen hinweg verfügbar machen und wiederholte Prüfungen erleichtern.

Wiederverwendung bereits in der Planung berücksichtigen

Auch die Planung neuer Bauprojekte muss sich nach Einschätzung der Forschenden verändern. Gebrauchte Bauteile stehen häufig nicht zu festgelegten Lieferterminen zur Verfügung. Ihre Verwendung erfordert deshalb frühzeitige Abstimmungen und eine größere Flexibilität bei der Gebäudeplanung.

Dazu gehört, Rückbaufachleute möglichst früh einzubeziehen und Entwürfe an die tatsächlich verfügbaren Bauteile anzupassen. Ein erster Schritt kann bereits darin bestehen, einzelne neue Komponenten durch gebrauchte zu ersetzen.

Eine wichtige Rolle schreiben die Forschenden öffentlichen Auftraggebern zu. Wenn die Wiederverwendung in Ausschreibungen berücksichtigt oder verlangt wird, kann dies zusätzliche Nachfrage schaffen. Als Beispiele nennt die Empa Basel-Stadt sowie die Stadt Zürich, die entsprechende Anforderungen künftig ebenfalls vorsehen will.

Digitale Marktplätze sollen Angebot und Nachfrage verbinden

Um gebrauchte Bauteile leichter verfügbar zu machen, schlagen die Forschenden hybride Marktplätze vor. Diese verbinden digitale Plattformen mit physischen Lagern. Interessenten können geeignete Komponenten online suchen und anschließend vor Ort begutachten.

Auch spezialisierte Betriebe wie Tür- und Fensterbauer könnten solche Plattformen nutzen und ihre Kenntnisse beim Ausbau und bei der Wiederverwendung anbieten.

Ergänzend könnten Materialbibliotheken entstehen, in denen sich Bauteile hinsichtlich ihrer Eigenschaften, ihres Aussehens und ihrer Haptik vergleichen lassen. Perspektivisch sollen sich die verfügbaren Komponenten direkt in digitale Gebäudeentwürfe integrieren lassen.

Kleine Maßnahmen statt umfassender Umstellung

Der Maßnahmenkatalog der Empa und der ETH Zürich setzt auf Veränderungen, die sich bereits unter heutigen Bedingungen umsetzen lassen. Dazu gehören der gezielte Ausbau einzelner Bauteile, die frühzeitige Einbindung von Rückbauunternehmen und die stärkere Berücksichtigung wiederverwendeter Komponenten in Ausschreibungen.

Die Forschenden betonen, dass digitale Werkzeuge zwar die Erfassung, Planung und Vermarktung erleichtern können, die Umsetzung jedoch maßgeblich von den beteiligten Unternehmen und Auftraggebern abhängt.

Statt einer grundlegenden Umstellung sämtlicher Bauprozesse empfiehlt das Forschungsteam, mit überschaubaren Maßnahmen praktische Erfahrungen zu sammeln. Auf diese Weise könnten sich neue Abläufe und Geschäftsmodelle schrittweise etablieren.

Bild ganz oben: Wiederverwendbare Gebäudekomponenten nach einem selektiven Rückbau. Die gezielte Demontage ermöglicht es, geeignete Materialien und Bauelemente in neuen Bauprojekten erneut einzusetzen. Foto: Anna Buser

Von Philipp

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