Vom 9. bis 13. September 2026 fand in den Holstenhallen Neumünster die 71. NordBau statt – die größte Baumesse Nordeuropas. Begleitet wurde sie zum dritten Mal von der CONBAU Nord, einem Fachkongress, der Wohnungsbau und Energiewende in den Mittelpunkt rückt. Mit 53.200 Besuchern und über 700 Ausstellern zeigte die Branche wieder ihre Widerstandskraft und ihren Gestaltungswillen.
Die Eröffnung setzte den Ton. Dirk Iwersen, Geschäftsführer der Holstenhallen Neumünster GmbH, sprach sich gegen die Klogerei – norddeutsch für Meckerei – der letzten Jahre aus: „Vielleicht sollten wir auch wieder etwas mehr über das sprechen, was möglich ist, und etwas weniger darüber, warum etwas nicht geht.” Die Bauwirtschaft habe ein Umsetzungsproblem, nicht ein Erkenntnisproblem. An guten Ideen mangele es nicht – es gehe darum, sie umzusetzen.
Diese Botschaft zog sich durch die gesamte Veranstaltung: nicht Paralyse durch Probleme, sondern Handlungsfähigkeit trotz Herausforderungen.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen: Vorsichtiger Optimismus
Das RWI (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung) prognostiziert für 2026 ein BIP-Wachstum von 1,3 Prozent, für 2027 1,1 Prozent – der stärkste Zuwachs nach drei Jahren Rezession, Stagnation und Miniwachstum. Die Gründe: gute Exporte, positive Auswirkungen der jüngsten Krisen. Andererseits trüben hohe Energiepreise, zu viel Bürokratie, schwache Wettbewerbsfähigkeit. Massenentlassungen in der Automobilbranche und hohe Insolvenzzahlen das Bild.
Doch der Strukturwandel, lange beschworen, könnte Deutschland besser durchlaufen, als viele befürchten. Das galt besonders für Schleswig-Holstein.
Schleswig-Holstein: Wirtschaftlicher Aufstieg statt Abstieg

Ministerpräsident Daniel Günther kontrastierte den weitverbreiteten Pessimismus mit konkreten Erfolgen. Schleswig-Holstein habe ein höheres Wirtschaftswachstum als der Bundesdurchschnitt. Das verarbeitende Gewerbe wachse mit plus 1,8 Prozent, während es bundesweit rückläufig ist. Die Tourismuszahlen seien so hoch wie noch nie.
Doch Günther warnte auch vor Schulden ohne Strukturreformen. Reformen der sozialen Sicherungssysteme seien nötig. Und er verteidigte den Bürokratieabbau: Die Angst vor Fehlern sei häufig ein größeres Problem, als die Fehler selbst. Man solle Menschen dazu befähigen, mutige Entscheidungen zu treffen.
Schleswig-Holstein hat eine Marke erreicht, die für die Energiewende zentral ist: 10 Gigawatt installierte Windenergieleistung an Land – das entspricht zehn mittleren Kernkraftwerken. Das Land versorgt sich damit zu 76 Prozent selbst mit Strom.
Dr. Stefan Wolf über Elektrifizierung
Die Keynote hielt Dr. Stefan Wolf vom Kompetenznetzwerk Lithium-Ionen-Batterien. Sein Thema: „Alles wird elektrisch.” Die Bauwirtschaft werde massiv von Batterietechnologie profitieren – von Elektrobaggern über Riesenkräne bis zu Baustrom-Containern.
Besonders interessant: Die sogenannte „Entenkurve”, das Problem der Residuallast. Mittags erzeugen Solaranlagen zu viel Strom, am Abend zu wenig. Batterien können diese Lücke füllen: tagsüber speichern, abends abgeben. Eine Technologie, die nicht nur Baustellen, sondern das ganze Stromnetz stabilisieren könnte.
Neumünster setzt Wohnen über Konsum
Neumünsters Oberbürgermeister Tobias Bergmann sprach über die lokale Bauwirklichkeit. Neumünster erhält 70 Millionen Euro vom Bund für Infrastruktur, erkannte aber die zentrale Aufgabe: nicht warten, sondern schnell investieren, um Investitionsstaus bei Brücken, Schulen, Kindergärten abzubauen.
Die Großbaustelle der Stadt: das Parkcenter. Ein klassischer Betonbau der 70er-Jahre, mittlerweile Lost Place. Bergmann kündigte an: Die Stadt kauft das Objekt und wird dort Wohnraum plus Hotel schaffen – gezielt für ältere Menschen, die kurze Wege brauchen. Lokale Akteure sollen sich einbringen können, nicht externe Investmentfirmen.
Die CONBAU Nord: Brücke zwischen Erkenntnis und Umsetzung
Die dritte CONBAU Nord unterschied sich bewusst von klassischen Baukongressen. Zum ersten Mal wurde ein Kuratorium gegründet: 21 Persönlichkeiten aus Ministerien, Behörden, Kammern, Verbänden, Wissenschaft und Praxis werden künftig strategische Themen entwickeln. Das Kuratorium soll übergreifend denken, nicht nur Einzelveranstaltungen planen.
Der Anspruch: Die NordBau zeigt, was möglich ist. Die CONBAU Nord diskutiert, was dafür notwendig ist. Am Ende entsteht: mehr guter Bau.
Standards müssen dem Bauen dienen, nicht andersherum
Ein Leitgedanke der Veranstaltung war der Mut zur Einfachheit. Iwersen warnte: „Nicht jeder höhere Standard führt automatisch zu einem besseren Gebäude. Standards müssen dem Bauen dienen und nicht das Bauen den Standards.”
Das Land Schleswig-Holstein machte es vor: Mit vereinfachten Standards senkte man die Baukosten um 20 Prozent. Weitere Vereinfachungen sind geplant, besonders für Bestandsbauten – Aufstockungen und Dachgeschossausbauten sollen leichter werden.
Rader Hochbrücke als Beispiel
Günther hob die größten Baustellen Deutschlands hervor – viele davon in Schleswig-Holstein. Ein Beispiel: die Rader Hochbrücke über die Elbe bei Hamburg. Sie wird am Wochenende gebaut, liegt im Zeitplan, wird vielleicht sogar früher fertig. Nicht zuletzt durch solche Projekte investiert das Land eine halbe Milliarde Euro in Straßen und Radwege.
Praktikumsprämie wirkt
Ein neues Verständnis zeichnete sich ab: Nicht alle müssen ins Hochschulstudium. Die PISA-Studie zeige, dass nur noch 11 Prozent der Eltern einen Hochschulabschluss für ihre Kinder anstreben. Günther kommentierte erleichtert: „Endlich ist die Botschaft angekommen!” Die Praktikumsprämie soll Menschen ins Handwerk locken – eine zentrale Strategie.
Die NordBau bot dazu das Format „Faszination Bauberufe – nordjob:Bau:Technik” mit 1.300 teilnehmenden Jugendlichen und „Schule auf der Messe”.
Neue Formate und Themen
Für innovative Kontinuität standen mehrere neue Elemente der NordBau:
- Holzbauhalle: Premiere 2026, Fortsetzung geplant. Der Holzbau wird als Zukunftsfeld ernst genommen.
- Infrastrukturforum des VDBUM: Mit Live-Podcasts an den Schnittstellen von Politik und Praxis.
- Etwa 50 Seminare: Gut besucht, zu aktuellen Themen von Digitalisierung bis Wärmewende.
TH Lübeck und Nelcon demonstrieren Zukunftstechnologie

Ein weiterer Fokus der NordBau 2026 lag auf digitaler Fertigung im Bauwesen. Die Technische Hochschule Lübeck präsentierte gemeinsam mit den Industriepartnern Nelcon und Instatiq eine 3D-Betondruckanlage. Diese Technologie ermöglicht es Bauunternehmen, Materialverbrauch präzise zu berechnen und aktiv Personalengpässe in der Bauausführung zu kompensieren. Der 3D-Betondruck reduziert Abfallmengen, rationalisiert Bauabläufe und adressiert damit eines der Kernprobleme der Branche: Fachkräftemangel in Zeiten steigender Bauaufträge.
Wolfgerd Jansch verabschiedet
Ein emotionaler Moment war die Verabschiedung von Wolfgerd Jansch. 28 Jahre hatte er die NordBau geprägt – fünf Jahre mit Dirk Iwerens Vater, dann 23 Jahre mit Iwersen selbst. Jansch gab die Messe ruhig und unaufgeregt an Natalia Solohor ab. Iwersen dankte für die Partnerschaft und Freundschaft. Applaus.
NordBau 2027
Die nächste NordBau ist geplant für 8.–12. September 2027, täglich 9–17 Uhr in Neumünster.
Die 71. NordBau und 3. CONBAU Nord zeigten, dass die Bauwirtschaft Antworten auf die bedeutsamen Fragen unserer Zeit hat. Gebaut wird mit Optimismus, Mut zur Einfachheit und dem Willen, schneller und bezahlbarer zu werden. Wie Dirk Iwersen abschließend sagte: „Lassen Sie uns gemeinsam die Ärmel hochkrempeln. Denn die Zukunft wird nicht nur geplant, sie wird gebaut.”
Bild ganz oben: Die Nordbau wurde wieder zum Treffpunkt der Bauwirtschaft im Norden. Foto: Circular Technology
