BIR World Recycling Convention & Exhibition in Göteborg: Plastics Division und Tyres / Rubber Committee fordern langfristige Nachfrage, klare politische Rahmenbedingungen und mehr Versorgungssicherheit durch Sekundärrohstoffe.

Recycelte Kunststoffe sollten als „strategischer, nachhaltiger Rohstoff“ anerkannt werden, der zu einer widerstandsfähigeren Wirtschaft beiträgt – und nicht lediglich als vorübergehende Alternative, wenn Neuware teurer wird. Diese Botschaft stellte Henk Alssema, Präsident der BIR Plastics Division und Vertreter des niederländischen Unternehmens Inviplast BV, bei der ersten gemeinsamen Sitzung der Plastics Division und des Tyres & Rubber Committee des Weltverbands BIR in Göteborg in den Mittelpunkt.

„Wenn Kunden nur dann Recyclingmaterial kaufen, wenn die Preise für Neuware hoch sind, schaffen wir eine sehr gefährliche Situation für unsere Branche“, sagte Alssema am 3. Juni in Göteborg.

In den vergangenen Monaten hat der Kunststoffrecyclingsektor weltweit eine Trendwende erlebt. Nach herausfordernden Jahren mit niedrigen Preisen, einem Überangebot an günstiger Neuware und Werksschließungen verzeichnen Recycler wieder eine steigende Nachfrage und stärkere Auftragsbücher. Diese Entwicklung ist vor allem auf den deutlichen Anstieg der Preise für Neuware infolge des Konflikts im Nahen Osten zurückzuführen. Dadurch ist die Nachfrage nach Recyclingmaterialien gestiegen.

Recycelte Kunststoffe werden inzwischen zunehmend als wertvoller und strategischer Bestandteil von Rohstofflieferketten betrachtet. Wenn Abnehmer dieses Material jedoch nicht auch dann weiterhin einsetzen, wenn sich die Märkte wieder stabilisieren, könnten sie diese Versorgungsoption verlieren. Die Werksschließungen der vergangenen Jahre haben bereits gezeigt, welche Folgen eine fehlende kontinuierliche Nachfrage haben kann. „Unsere Botschaft ist heute sehr einfach: Nutzt es oder verliert es“, sagte Alssema.

Für ausreichende Recyclingkapazitäten in der Zukunft brauche es bereits heute eine stabile Nachfrage. Recycler benötigten langfristige Zusagen, um Investitionen in neue Anlagen, Innovationen, Qualitätssysteme und Rückverfolgbarkeit rechtfertigen zu können. Auch politische Unterstützung sei wichtig. Ohne starke und stabile Verpflichtungen werde die Nachfrage nach Recyclingmaterial weiterhin von Ölpreisen und geopolitischen Ereignissen abhängen. Mit klaren politischen Rahmenbedingungen könnten Unternehmen hingegen mit Vertrauen investieren und für die Zukunft planen.

Max Craipeau, Vorsitzender des BIR Tyres & Rubber Committee und Vertreter des in Hongkong ansässigen Unternehmens Greencore Resources, sieht beim Marktaufschwung für recycelten Gummi Parallelen zur Entwicklung bei recycelten Kunststoffen – und zwar aus denselben Gründen. Beide Sektoren stünden vor ähnlichen Herausforderungen und profitierten davon, als „strategisches“ Material positioniert zu werden. Wenn Marken ausschließlich auf Primärmaterial setzten, gerieten sie bei geopolitischen Problemen definitiv in Schwierigkeiten, sagte Craipeau. Als Befürworter verbindlicher Mindestanteile an Recyclingmaterial betonte er, dass solche Vorgaben notwendig seien, um Nachfrage zu schaffen.

Mit Blick auf Südostasien, wo Craipeau eine PET-Recyclinganlage in Indonesien betreibt, verwies er auf die Auswirkungen der Lage in der Straße von Hormus. Die dortigen Probleme hätten die üblichen Ölzuflüsse in den Markt, insbesondere nach Asien, um rund 20 Prozent reduziert. Davon hätten Sekundärmaterialien profitiert. Die Preise für Rezyklate seien um 15 bis 20 Prozent gestiegen und wieder auf ein Niveau zurückgekehrt, das einen nachhaltigen Betrieb ermögliche.

Gleichzeitig warnte Craipeau davor, dass Kunden trotz der aktuellen Situation, in der sie um mehr Material bäten, ein kurzes Gedächtnis hätten. Er erinnerte daran, dass während der COVID-Pandemie viel darüber gesprochen worden sei, mehr Recyclingmaterial zu sichern. Nach einigen Jahren sei dieser Schwung jedoch wieder verschwunden.

Für Marken sei Versorgungssicherheit jedoch entscheidend, und die aktuelle Krise im Nahen Osten belege genau diesen Punkt. Die Straße von Hormus könne nur die Spitze des Eisbergs sein, falls es in Zukunft beispielsweise zu einem Konflikt zwischen den USA und China komme, warnte Craipeau. Marken sollten deshalb aufhören, kurzfristig zu denken, und langfristige Verträge abschließen, wenn sie ihre Produkte weiter in den Regalen halten wollten.

Auch Surendra Patawari, Vorsitzender der Gemini Corporation in Belgien, stimmte zu, dass die Branche die aktuelle Situation nutzen sollte, um Abnehmer von langfristigen Verträgen und Absichtserklärungen zu überzeugen. Er rief die Recyclingwirtschaft dazu auf, ihre Kunden stärker einzubinden und über die Notwendigkeit des Einsatzes von Recyclingmaterial aufzuklären. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass Kunden stets auch andere Anforderungen und Prioritäten hätten und die Ölindustrie über eine starke Lobby verfüge.

Auf die Frage von Henk Alssema, ob politische Entscheidungsträger Recyclingmaterial als „strategisch“ betrachteten, berichtete Sally Houghton, Executive Director der PET Recycling Corp. of California, von ihren Erfahrungen in Kalifornien. Recycling werde dort teilweise als eine Art Beruhigungsmittel genutzt, um der kunststoffkritischen Stimmung von Wählern zu begegnen. Zugleich zeigte sie sich bisweilen erstaunt darüber, wie wenig politische Entscheidungsträger über die Kunststoffrecyclingbranche wüssten oder verstünden.

Kalifornien verfügt jedoch auch über positive politische Maßnahmen. Dazu gehört die Vorgabe, dass Flaschen bis 2030 einen Recyclinganteil von 50 Prozent enthalten müssen. Diese Regelung stützt die Nachfrage nach Rezyklat. Eine vergleichbare Maßnahme für Verpackungen gibt es bislang nicht. Das habe dazu geführt, dass Verpackungshersteller Rezyklate zugunsten günstigerer Neuware aufgegeben hätten und erst in jüngster Zeit wieder zu Recyclingmaterial zurückkehrten. Inzwischen wurde in Kalifornien jedoch ein Gesetz zur erweiterten Herstellerverantwortung verabschiedet. Es verlangt eine hundertprozentige Recyclingfähigkeit von Verpackungen, recyclinggerechtes Design und eine Recyclingquote von 65 Prozent. Diese Maßnahmen geben Recyclern mehr Sicherheit.

Mit dem zunehmenden Inkrafttreten solcher politischer Maßnahmen dürfte auch der Bedarf an geschlossenen Recyclingkreisläufen steigen. Gastrednerin Kristin Nilsson, CEO von Reelab in Schweden, erläuterte das gemeinsam mit Dagab verfolgte „Cap-to-Cap“-Flaschenprojekt. Ziel ist es, eine Zulassung für Lebensmittelqualität zu erreichen und zu zeigen, dass sich der Kreislauf bei diesem Material schließen lässt. Dies werde einige Jahre dauern und viele Tests erfordern, sagte Nilsson. Sie zeigte sich jedoch sehr zuversichtlich, dass genau dieses Material die notwendige Qualität und Güte erreichen könne. Um Kreislaufziele zu erreichen, seien Zusammenarbeit und Transparenz erforderlich, denn allein lasse sich dies nicht umsetzen.

Auch Kay Riksfjord, Downstream Manager von Revac AS in Norwegen, sprach sich für mehr Offenheit entlang der Wertschöpfungskette aus. Obwohl sein Unternehmen große Mengen an Altkühlschränken verarbeitet, werde es nie in die Gestaltung neuer Kühlschränke einbezogen. Hersteller seien in dieser Hinsicht eher zurückhaltend. Sally Houghton betonte in diesem Zusammenhang, dass Fortschritt solche Verbindungen voraussetze. Die Veränderung müsse darin bestehen, dass alles, was gestaltet werde – von Schuhen über Kühlschränke bis hin zu Flaschen und Verpackungen –, mit Blick auf das Lebensende des Produkts entwickelt werde. Genau in diese Richtung müsse sich die Branche bewegen.

Die gemeinsame Sitzung von BIR Plastics Division und Tyres / Rubber Committee in Göteborg machte deutlich: Recycelte Kunststoffe und recycelter Gummi sind weit mehr als kurzfristige Ausweichmaterialien in Phasen hoher Rohstoffpreise. Sie sind ein strategischer Bestandteil resilienter Lieferketten. Damit diese Rolle dauerhaft erfüllt werden kann, braucht es stabile Nachfrage, langfristige Abnahmeverträge, klare politische Vorgaben, Investitionssicherheit sowie mehr Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Titelbild: Circular Technology mittels KI

Von AG

Anmelden

Registrieren

Passwort zurücksetzen

Bitte gib deinen Benutzernamen oder deine E-Mail-Adresse an. Du erhältst anschließend einen Link zur Erstellung eines neuen Passworts per E-Mail.