Der Verkehr ist ein zentraler Bereich auf dem Weg zu Netto-Null. Busse gelten als vergleichsweise einfach ausbaubare Form des öffentlichen Verkehrs, da sie weniger neue Infrastruktur benötigen als der Schienenverkehr. Damit sie zur Nachhaltigkeit beitragen, müssen sie jedoch elektrifiziert werden. Der Austausch von Dieselbussen durch neue Elektrobusse verläuft derzeit langsam. Laut Empa-Forscher Harald Desing könnte es bei gleichbleibender Flottengrösse bis nach 2050 dauern, bis fast alle europäischen Busse elektrisch fahren.
Nachrüsten statt neu bauen
Desing untersucht deshalb das sogenannte E-Retrofitting, also die Umrüstung bestehender Dieselbusse auf Elektroantrieb. Laut seiner Studie wäre dieser Ansatz technisch und wirtschaftlich machbar. Er könnte die vollständige Elektrifizierung der Busflotte rund 15 Jahre früher ermöglichen als der reine Ersatz durch Neufahrzeuge. Zudem würden dabei Rohstoffe und Emissionen eingespart, da die Umrüstung pro Bus geringere Umweltauswirkungen verursacht als die Produktion eines neuen Elektrobusses.
„Wenn die Busflotte konstant bleibt, dauert es noch bis mindestens 2055, bis mehr als 95% aller europäischen Busse mit elektrischen ersetzt wären», sagt Harald Desing aus der Abteilung Technologie und Gesellschaft an der Empa in St. Gallen. «Das ist nach 2050, dem Jahr, wenn das Netto-Null-Ziel in Europa und der Schweiz erreicht sein sollte – und viele Länder und Regionen haben sich noch ambitioniertere Ziele gesetzt.“
Beim Retrofitting werden vor allem Motor und Getriebe ersetzt, Batterien eingebaut und Hilfsantriebe auf elektrische Systeme umgestellt. Da Stadtbusse meist in wenigen Modellreihen und grossen Stückzahlen eingesetzt werden, könnten standardisierte Umrüst-Kits entwickelt werden. Ein Umbau würde dann nur wenige Tage dauern und den laufenden Betrieb kaum beeinträchtigen. Ausgebaute Bauteile wie Stahl- und Aluminiumkomponenten liessen sich recyceln.
Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass Betreiber ihre Busse nicht vorzeitig ersetzen müssten. Durch den Austausch des Antriebs könnten Karosserie und Innenraum länger genutzt werden. Das könnte Kosten senken oder Mittel für den Ausbau der Busflotten freisetzen. Die notwendige Ladeinfrastruktur war nicht Teil der Studie, gilt nach Einschätzung Desings aber als umsetzbar, etwa durch das Laden während der Fahrt an bestehenden Oberleitungen.
Für eine breite Anwendung müssten E-Retrofitting-Technologien standardisiert und skaliert werden. Neben europäischen Stadtbussen sieht Desing grundsätzlich auch Potenzial in anderen Regionen sowie möglicherweise bei Lastwagen. Diese Anwendungen müssten jedoch weiter untersucht werden.
Bild oben: Diesel-Busse könnten elektrifiziert werden. (Photo: Pixabay/clorichs)