Vor sieben Jahren gab Jörg Steffens seine Milchwirtschaft auf. Heute produziert sein Unternehmen Grenzland grünen Wasserstoff aus Solarstrom – mit 2.200 Genossenschaftsmitgliedern und 17 Millionen Euro Kapital. Wie aus einer Suche nach neuer Existenzgrundlage ein Projekt der Energiewende wurde.
Die Geschichte von Grenzland beginnt mit einer Entscheidung, die keinem Landwirt leichtfallen würde: Jörg Steffens gab vor sieben Jahren seine Milchwirtschaft auf. Aus dieser beruflichen Neuorientierung entstand ein Projekt, das heute die Energiewende im Norden Deutschlands mitgestaltet. Was als Suche nach einer neuen Existenzgrundlage begann, entwickelte sich zur Produktion von grünem Wasserstoff – gebaut auf Photovoltaik-Strom und Bürgerbeteiligung.
Jörg Steffens erinnert sich an den Anfang: „Ich habe dann Potenzial gesucht, um meine Existenz aufrechtzuerhalten, und versucht, die Flächen mit PV zu bestücken.” Gemeinsam mit Reinhard Christiansen erkannte er, dass die Windpark-Flächen in der Region neue Nutzungen ermöglichten. Was folgte, war der Weg von einer Interessengemeinschaft zu einer eingetragenen Genossenschaft.
Von der Photovoltaik zum grünen Wasserstoff

„Es hat sich herausgestellt, dass wir mit PV nicht hundert Prozent alles decken können. Deshalb haben wir angefangen, eine bestehende Wasserstoffanlage zu kaufen – von Grenzstrom Bürgerwind,” erklärt Jörg Steffens. Der Ankauf dieser Wasserstoffanlage ermöglichte eine neue Geschäftsidee: Wasserstoff nicht aus Erdgas, sondern aus erneuerbarem Solarstrom zu erzeugen.
Der Solarpark GreEn I in Ellhöft speist eine Leistung von 5 Megawatt auf 5 Hektar Fläche (obwohl bis zu 55 Hektar möglich gewesen wären) direkt in Elektrolyseur-Anlagen ein. Die jährliche CO₂-Ersparnis liegt bei etwa 2.832 Tonnen. Jörg Steffens erläutert die Logik: „Wir vergolden den Strom durch Wasserstoff. Wenn wir ab dem 1. Januar hundert Prozent grünen Wasserstoff verkaufen können und garantiert hundert Kilo abgeben, erhalten wir über die THG-Quote eine erhebliche Preisverbesserung. Das ist eine echte Vergoldung des PV-Stroms.”
Die Elektrolyseur-Anlage in Westre basiert auf einer ME450-Technologie mit PEM-Elektrolyse. Sie produziert derzeit bis zu 450 Kilogramm Wasserstoff täglich – mit einem Systemwirkungsgrad von 90 Prozent. Das Projekt startete 2018 und umfasst auch eine Wasserstofftankstelle für Personenkraftwagen. Mit der geplanten 4-MW-Elektrolyse soll die Kapazität auf bis zu 1.600 Kilogramm täglich steigen. Das Geschäftsmodell hat sich als wirtschaftlich erfolgreich erwiesen: Wasserstoffproduktion ist lukrativer als der reine Stromverkauf. Der Grund liegt nicht nur in den höheren Preisen, sondern auch in der Möglichkeit, die Wasserstoff-Treibhausgas-Quote (THG-Quote) zu nutzen – ein Mechanismus, der die Dekarbonisierung im Verkehr fördert.
Eine Bürgergenossenschaft mit Weitblick
Das genossenschaftliche Modell prägt Grenzland. Im Jahr 2022 gegründet, hatte die Bürgergenossenschaft bereits im zweiten Quartal 2023 etwa 600 Mitglieder. Heute zählt sie 2.200 Mitglieder. Die Genossenschaft hat bislang 12 Millionen Euro von ihren Mitgliedern eingesammelt. Hinzu kommt eine Förderung von 5 Millionen Euro vom Land Schleswig-Holstein über die WTSH (Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein). Zusammen mit der Eigeneignutzung hat sich ein Gesamtbudget von 17 Millionen Euro für das Projekt ergeben – vollständig für die PV-Anlage aufgebracht.
Jörg Steffens betont die regionale Bindung: „Wir bleiben regional. Das macht uns stark – alle unsere Mitarbeiter sind im direkten Umfeld, und das gibt uns einen direkten Zugriff zur Anlage.” Die regionale Fokussierung ermöglicht schnelle Entscheidungen, enge Beziehungen zu den Gemeinden Ellhöft und Westre und ein direktes Management der Anlagen.
Die Mitgliedschaft ist nicht auf die unmittelbare Region beschränkt: Jeder in Schleswig-Holstein und Hamburg kann Genossenschaftsmitglied werden. Auch außerhalb dieser Länder ist es möglich – allerdings mit Bezug zur Region. Jörg Steffens erklärt: „Das soll uns Vorteile bringen.” Das Engagement erstreckt sich auch auf Beratung und Unterstützung: „Als Mitglied erhält man Informationen und Unterstützung. Wenn man etwas planen oder umsetzen möchte und Tipps braucht, hat man bei uns einen direkten Ansprechpartner.”
Ambitionierte Pläne für die Zukunft

Die Geschichte von Grenzland setzt sich fort. Jörg Steffens skizziert die weitere Entwicklung: „Im Sommer 2027 werden wir die Anlagen 3 und 4 in Betrieb nehmen. Dann werden wir alle Anlagen auf hundert Prozent grünem Wasserstoff betreiben.” Derzeit sind zwei Elektrolyseanlagen in Betrieb und vollständig bezahlt. Zwei weitere sind geplant und werden bis Sommer 2027 in Betrieb gehen. Zum 1. Januar 2028 sollen alle Anlagen problemlos mit grünem Wasserstoff laufen und die erforderliche Verdichterleistung vollständig verfügbar sein.
Das Land Schleswig-Holstein hat bereits eine Zusage erteilt, dass Grenzland weitere 15 Megawatt Kapazität errichten kann – mit Aussicht auf zusätzliche Förderung. „Zuerst muss das aktuelle Projekt vernünftig laufen und stark sein. Dann werden wir versuchen, die weiteren 15 Megawatt zu realisieren.” Ein wichtiger Faktor wird die geplante Wasserstoff-Pipeline sein. Derzeit werden Wasserstoffmengen über Lastkraftwagen transportiert. Eine Pipeline von der Westküste nach Ellhöft würde die Transportlogistik vereinfachen: „Das wäre für uns sehr wichtig. Derzeit sieht es so aus, dass sie kommt. Mit der Pipeline können wir den Wasserstoff rund um die Uhr verkaufen und müssen ihn nicht mit dem Lastwagen transportieren.” Die Pipeline würde das Projekt in eine überregionale Rolle positionieren.
Das Genossenschaftsmodell in der Praxis
Grenzland ist ein Projekt auf genossenschaftlicher Grundlage. Es zeigt, wie Bürgerinnen und Bürger bei der Energieproduktion mitwirken können – nicht als Konsumenten, sondern als Investor:innen. Jörg Steffens beschreibt die Ausrichtung der Genossenschaft: „Wir freuen uns über jedes Mitglied, das die Energiewende aktiv mitgestalten will.” Mit 17 Millionen Euro Kapital, zwei in Betrieb befindlichen Elektrolyseanlagen und weiteren in Planung demonstriert Grenzland ein Modell der Energiewende, an dem Bürger direkt beteiligt sind.
Bild ganz oben: Jörg Steffens (l.) und Werner Schweizer, Aufsichtsratsvorsitzender der Grenzland Bürgerenergie eG präsentieren auf der Nordbau in Neumünster ihre Genossenschaft. Foto: Circular Technology
