Die Vorträge auf dem 15. Werkstoff-Seminar am 09. und 10. Juli in Rothenburg ob der Tauber zeichneten den Weg, wie Kreislaufwirtschaft, neue Werkstoffe, Daten und industrielle Prozesse zusammenfinden. Und wieder einmal zeigt sich: Der persönliche Austausch unter den anwesenden Fachleuten stellt die releventen Fagen und zeigt Lösungsansätze auf. Darum bleibt er unverzichtbar. Aus alten Elektrowerkzeugen werden neue. Damit der geschlossene Kreislauf funktioniert, müssen Rücknahme, Sortierung, Aufbereitung, Rezeptur, Konstruktion und Qualitätssicherung ineinandergreifen. Das Closed-Loop-Projekt von Bosch Power Tools, HolyPoly und MKV stand beim diesjährigen Seminar des Forum Werkstoffe beispielhaft für den roten Faden der Veranstaltung: Fortschritt entsteht selten an einer einzelnen Station der Wertschöpfungskette.
Unter dem Motto „MITEINANDER Kunststoff – Innovationen für Verantwortung und Fortschritt“ kamen am 9. und 10. Juli 2026 Fachleute aus Materialentwicklung, Verarbeitung, Maschinenbau, Recycling, Forschung und Beratung im Forum Rothenburg zusammen. Der Kinosaal bot einen konzentrierten Rahmen für die fachlichen Beiträge. Mindestens ebenso wichtig war das großzügige Foyer: Die begleitende Ausstellung, ausreichend bemessene Netzwerkpausen und das gemeinsame Abendessen boten hervorragende Möglichkeiten, Fragestellungen aus den Vorträgen unmittelbar mit potenziellen Partnern weiterzuverfolgen.
Damit entsprach das Format einer zentralen Aussage von Nico Franzke, CTO bei Neue Materialien Bayreuth: Technologietransfer ist keine einfache Übergabe von Forschungsergebnissen an ein Unternehmen. Werkstoffe, Verfahren, Anwendungen, Daten und Märkte müssen gemeinsam entwickelt werden. Das Seminar setzte diesen Gedanken praktisch um. Viele der vorgestellten Lösungen waren aus Kooperationen hervorgegangen oder auf weitere Partner entlang der Wertschöpfungskette angewiesen.
Ein Kreislauf beginnt lang vor dem Recycling
Wie anspruchsvoll diese Abstimmung ist, zeigte die „UniversalImpact 800 Closed Loop Edition“. Kunststoffe aus ausgedienten Elektrowerkzeugen werden aufbereitet und erneut für Gehäusekomponenten aus PA6-GF30 verwendet. Recyceltes TPE, ein Koffer aus PCR-PP und der Verzicht auf entbehrliche Einlegeblätter, Aufkleber und Kunststoffbeutel ergänzen das Konzept. Nach Angaben von Bosch wurde der Materialkreislauf vom TÜV Süd begleitet und zertifiziert. Gleichzeitig benannte Thomas Hampel die praktischen Hürden: Die verfügbaren Altteile unterscheiden sich nach Alter, Farbe, Kunststoffsorte und Additivierung; einzelne Fremdteile können eine ganze Charge beeinträchtigen.
Dass selbst ein Monowerkstoff noch keinen funktionierenden Kreislauf garantiert, verdeutlichte Franzke an ausgedienten Waschmaschinenschläuchen aus Polypropylen. Technisch gehören Mahlen, Sortieren, Waschen, Compoundieren und erneutes Formen zur Lösung. Wirtschaftlich entscheiden jedoch auch Geruch, Verunreinigungen, konstante Eigenschaften, Logistik und die Verantwortung für den gesamten Prozess. Heinz-Henning Seute von LH-Plastics ergänzte die Marktperspektive: Besonders groß ist der Bedarf an hellen und transparenten Rezyklaten, während das Angebot stärker von bunten und schwarzen Qualitäten geprägt ist. Produktgestaltung und Einkauf müssen sich daher stärker an real verfügbaren Stoffströmen orientieren.
Wo sich Materialverbünde nicht mechanisch trennen lassen, können andere Recyclingwege notwendig werden. re.solution entwickelt für Polyester-Baumwoll-Textilien einen hydrolytischen Prozess, der PET in Terephthalsäure und Glykol zerlegt und zugleich die Baumwollfraktion zurückgewinnen soll. In Alsdorf arbeitet das Unternehmen im vorindustriellen Maßstab; als nächster Schritt wurde eine Anlage mit 10.000 Tonnen Jahreskapazität skizziert. Dabei handelt es sich um eine Zielgröße für den geplanten Ausbau, nicht um bereits verfügbare Industriekapazität.
Qualität lässt sich Rezyklaten nicht ansehen
Rezyklate können äußerlich unauffällig sein und dennoch Polymermischungen oder Rückstände enthalten, die Verarbeitung und Bauteileigenschaften verändern. Genau hier setzte der Beitrag von Natalie Rudolph von Netzsch Gerätebau an. Die Software „Proteus Now Quantify“ verbindet die dynamische Differenzkalorimetrie mit maschinellem Lernen. Sie soll Mischungen aus PP, HDPE, LDPE und LLDPE identifizieren und deren Anteile abschätzen – auch wenn sich die thermischen Signale der Polymere überlagern. Netzsch gab je nach Aufgabenstellung typische Validierungsfehler von etwa einem bis fünf Prozent an.
Die Aussage war zugleich eine Absage an überzogene Erwartungen an KI: Ohne einheitliche Probenmassen, Heiz- und Kühlraten sowie verlässlich zugeordnete Trainingsdaten entstehen keine belastbaren Resultate. Datenqualität wird damit zu einer Voraussetzung für höhere Rezyklatanteile. Dasselbe gilt für die Sauberkeit der Anlagen. Eva Langhammer von Granula Polymer zeigte, wie Rückstände aus vorangegangenen Materialien, Farben und Additiven zu Kreuzkontamination, Ausschuss oder Maschinenschäden führen können.
In einem bei LH-Plastics durchgeführten Kundenbeispiel sank die Dauer eines Farbwechsels in der Blasfolienextrusion nach Unternehmensangaben von 480 auf 50 Minuten. Statt 300 Kilogramm Spülmaterial wurden sechs Kilogramm Reinigungsgranulat eingesetzt. Unabhängig von den konkreten Produktwerten zeigt das Beispiel, dass Rezyklatqualität nicht allein beim Rohstofflieferanten entsteht. Maschinenzustand, Materialwechsel und Prozessführung wirken unmittelbar auf die nächste Charge.
Nachweise werden Teil des Produkts

Die Fähigkeit, Materialeigenschaften und Stoffströme zu belegen, gewinnt auch regulatorisch an Bedeutung. Thomas Wolff von Polyprove schlug vor, CSRD, EU-Taxonomie, CO2-Bepreisung und Digitalen Produktpass als Instrumente der Unternehmens- und Portfoliosteuerung zu nutzen. Werden Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen verursachungsgerecht einzelnen Produkten zugeordnet, kann sich ein anderes Bild ihrer Wirtschaftlichkeit ergeben als bei pauschal verteilten Gemeinkosten. Nachhaltigkeitsdaten werden damit zu einer zusätzlichen Kosten- und Wertperspektive.
Wie schnell aus einem abstrakten Regelwerk eine betriebliche Aufgabe wird, zeigte Robert Schmitt von SKZ Zertifizierungen anhand der Verordnung (EU) 2025/2365 zu Kunststoffgranulatverlusten. Sie gilt für Betreiber von Anlagen, die jährlich mindestens fünf Tonnen Granulat handhaben. Risikomanagementpläne, Maßnahmen gegen Austritte und Aufzeichnungen zu Mengen und geschätzten Verlusten werden damit zur betrieblichen Pflicht. Oberhalb von 1.500 Tonnen greifen abhängig von Unternehmensgröße und Konstellation Zertifizierungs- oder Genehmigungspflichten. Nach Darstellung des SKZ endet die erste Frist für große Unternehmen am 17. Dezember 2027. Die Umsetzung lässt sich an bestehende Managementsysteme anbinden, verlangt aber auch die Einbeziehung von Beschäftigten, Transporteuren und weiteren externen Partnern.
Zwischen Abbaubarkeit und 1.200 Grad
Die Bandbreite der Materialentwicklung ließ sich an zwei sehr unterschiedlichen Anforderungen ablesen. Marcus Vater vom Fraunhofer IAP stellte Polybutylensuccinat als Plattformkunststoff vor, dessen Eigenschaftsprofil zwischen LDPE und HDPE liegt. Durch lineare, verzweigte oder funktionalisierte Molekülarchitekturen sollen sich unter anderem Kristallinität, Faserbildung und Verarbeitbarkeit einstellen lassen. Anwendungen reichen von Folien und Beuteln bis zu Fasern und Geotextilien. Die geplante Ausgründung Syntura soll die Entwicklung in industrielle Projekte überführen.
Am anderen Ende des thermischen Spektrums stehen Werkstoffe für die Batteriesicherheit. Ruth Bieringer von Freudenberg Sealing Technologies zeigte Hitzeschilde aus Silikon und Aerogel sowie die Werkstofffamilie Quantix Ultra. Sie lässt sich thermoplastisch verarbeiten und vernetzt während der Verarbeitung. Dadurch soll sie bei Brandbeanspruchung länger dimensionsstabil bleiben und zugleich elektrisch isolierende, flamm- und partikelbeständige Funktionen übernehmen. Für einzelne Lösungen wurden Einsatztemperaturen bis 1.200 Grad Celsius genannt.
Zwischen Materialidee und Serie entscheidet die Verarbeitung. Additiv gefertigte Harzeinsätze, wie sie Irena Heuzeroth vom SKZ vorstellte, verkürzen bei Prototypen und Kleinserien die Iterationsschleifen und ermöglichen Bauteile aus dem späteren Originalgranulat. Standzeit, Temperaturbelastbarkeit und Harzkosten begrenzen den Einsatz. Gasinnendruck, Gasaußendruck und physikalisches Schäumen können wiederum eingefrorene Spannungen, Vakuolen und Verzug reduzieren, wie Ulrich Stieler anhand mehrerer Serienbauteile erläuterte.
Dass technische Geschwindigkeit und regulatorische Sicherheit gemeinsam geplant werden müssen, zeigte der Blick in die Medizintechnik. Thomas Hartig von New Valve Technology skizzierte ein zweistufiges Lieferantenmodell: Flexible Partner unterstützen frühe Entwicklungs- und Iterationsphasen; für die Industrialisierung werden Prozesse, Dokumentation und Validierung schrittweise in eine Struktur nach MDR und ISO 13485 überführt.
KI-Projekte sind Veränderungsprojekte
Auch bei der Digitalisierung war die Technik nur ein Teil der Aufgabe. Avenit verbindet in einem Pilotprojekt mit der Zimmer Group eine KI-gestützte Brille mit Maschinenhistorien, Anleitungen und Dokumentationsfunktionen. Der unmittelbare Zugriff am Einsatzort kann die Instandhaltung unterstützen. Entscheidend sind jedoch die strukturierte Wissensbasis, Schnittstellen zu vorhandenen Systemen und eine private oder lokal betriebene KI-Architektur. Die von Christian Seifert präsentierten Verbesserungswerte waren Prognosen aus ersten Pilotergebnissen und noch keine flächendeckend nachgewiesenen Serienkennzahlen.
Ein ähnliches Bild ergab sich bei Vipra von SHS plus. Die Plattform erfasst Daten aus heterogenen Maschinenparks und macht Produktionszeiträume vergleichbar. Daraus lassen sich Muster, Qualitätsprognosen und Einstellempfehlungen ableiten. Kenny Saul stellte der technischen Installation von etwa einem Tag eine deutlich längere Einführungsphase gegenüber: Datenbasis, Schulung, neue Abläufe und regelmäßige Nutzung können mehrere Monate beanspruchen. KI wird damit weniger zu einem Softwarekauf als zu einem betrieblichen Veränderungsprozess.
Das Netzwerk gehört zur technischen Arbeit
Das Seminar war besonders dort überzeugend, wo es Spannungsfelder sichtbar machte: höhere Rezyklatanteile treffen auf schwankende Stoffströme, schnelle Entwicklung auf umfangreiche Nachweise und neue KI-Werkzeuge auf unvollständige Daten. Solche Aufgaben lassen sich weder von einem Materiallieferanten noch von einem Verarbeiter oder Technologieanbieter allein lösen. Die hervorragenden Möglichkeiten zum Netzwerken waren deshalb keine Zugabe zum Vortragsprogramm, sondern ein wesentlicher Teil des Veranstaltungskonzepts. Im Foyer, in den Pausen und beim gemeinsamen Abendessen konnten aus fachlichen Impulsen konkrete Gespräche entstehen. Damit erhielt das Motto „MITEINANDER Kunststoff“ in Rothenburg eine praktische Bedeutung.
Bild ganz oben: Die Vorträge auf der großzügigen Bühne waren praxisorientiert und auf hohem technischen Niveau. Durch die Veranstaltung führt souverän und kompetent Isabel Kaus. Foto: Circular Technology
