Eine Befragung von 3.000 Haushalten zeigt: Viele Menschen in Deutschland erwarten steigende Energiekosten, können aber kaum in die energetische Modernisierung ihrer Wohnung oder ihres Hauses investieren. Besonders betroffen sind Haushalte mit hoher finanzieller Belastung und Menschen zur Miete. Forschende empfehlen Förderangebote, die sozial gerechter und leichter zugänglich sind.
Wie lässt sich klimafreundlicher wohnen, wenn schon die laufenden Energiekosten eine große Belastung darstellen? Diese Frage steht im Zentrum einer Befragung von 3.000 Haushalten in Deutschland, die Ende 2025 im Rahmen des EU-Projekts PREFIGURE durchgeführt wurde. Knapp drei Viertel der Befragten erwarten deutlich steigende Energiekosten. Zugleich geben 65 Prozent an, finanziell kaum oder gar nicht in der Lage zu sein, ihr Zuhause energetisch zu sanieren. Die Ergebnisse zeigen damit eine zentrale Herausforderung der Wärmewende: Gerade dort, wo Energieeinsparungen dringend gebraucht werden, fehlen oft die Mittel, um sie umzusetzen.
Hohe Sorgen, aber wenig finanzieller Spielraum
Für die Auswertung haben die Forschenden einen „Sorgenindikator“ entwickelt. Er bündelt drei Einschätzungen: ob die eigenen Energiepreise als unfair empfunden werden, ob deutlich steigende Kosten erwartet werden und ob klimafreundliche Renovierungen als finanziell nicht leistbar gelten. Wer mindestens zwei dieser Einschätzungen teilt, wird der Gruppe mit hoher Energiekostensorge zugeordnet.
Das trifft auf 63 Prozent aller Befragten zu. Besonders ausgeprägt sind die Sorgen bei Haushalten, die mindestens 15 Prozent ihres Nettoeinkommens für Energie aufwenden: In dieser Gruppe liegt der Anteil bei 79 Prozent. Auch Alleinerziehende sind überdurchschnittlich betroffen; bei ihnen beträgt der Anteil 75 Prozent. Selbst unter Haushalten, die weniger als fünf Prozent ihres Nettoeinkommens für Energie ausgeben, äußern noch 56 Prozent hohe Sorgen. Die Belastung lässt sich also nicht allein über die Höhe der aktuellen Energiekosten erklären.
Mietende können oft nicht selbst entscheiden
Besonders deutlich werden die Unterschiede zwischen Mietenden und Eigentümerinnen und Eigentümern. 75 Prozent der befragten Mieterinnen und Mieter halten klimafreundliche Renovierungen für finanziell eher nicht oder überhaupt nicht leistbar. Bei Menschen, die im eigenen Wohneigentum leben, sind es 55 Prozent.
Für Mietende kommt hinzu, dass sie wichtige Entscheidungen über ihr Wohngebäude häufig nicht selbst treffen können. Von den 1.126 Befragten zur Miete, bei denen energetische Maßnahmen bereits durchgeführt wurden oder geplant sind, berichten rund 78 Prozent, kaum oder gar nicht in die Entscheidungen einbezogen worden zu sein. Damit treffen zwei Hürden zusammen: Viele können die Kosten nicht tragen – und haben zugleich nur begrenzten Einfluss darauf, ob und wie saniert wird. (kit.edu)
Die Forschenden weisen darauf hin, dass Energiekostensorgen nicht nur mit dem Renovierungsbedarf eines Gebäudes oder der aktuellen Wohnkostenbelastung zusammenhängen. Auch der jeweilige Handlungsspielraum, das Wissen über erneuerbare Energietechnologien und die sozioökonomische Situation spielen eine Rolle. Bei Menschen, die mit erneuerbaren Technologien vertrauter sind, sind hohe Sorgen weniger verbreitet. Ähnliches zeigt sich bei Befragten, die sich stärker an einer gemeinschaftlichen Energiewende beteiligen würden. Aus der Befragung lässt sich allerdings nicht ableiten, ob mehr Wissen und Engagement die Sorgen tatsächlich verringern oder ob andere Faktoren die Unterschiede erklären.
Förderung muss ohne große Vorleistungen funktionieren
Das Projektteam spricht sich für eine verlässliche, sozial abgestufte Förderung aus, die mit einfachen Verfahren und möglichst geringer Vorfinanzierung verbunden ist. Denn Zuschüsse oder Förderkredite helfen wenig, wenn Haushalte die Kosten zunächst selbst tragen müssen oder die Antragstellung zu kompliziert ist. Für Mietende braucht es außerdem wirksame Möglichkeiten, sich an Sanierungsentscheidungen zu beteiligen. Maßnahmen sollten so gestaltet werden, dass sie für die Bewohnerinnen und Bewohner finanziell tragbar bleiben.
Wie ergänzende Unterstützung aussehen kann, untersucht PREFIGURE auch anhand lokaler Beispiele. In Bulgarien bietet das Programm „CODE Housing Microloans“ einkommensschwachen Haushalten zinsfreie Mikrokredite für kleinere Reparaturen und Energieeffizienzmaßnahmen. Beratung und Workshops ergänzen das Angebot. Solche Ansätze zeigen, dass neben großen Gebäudesanierungen auch kleinere, zugängliche Verbesserungen eine Rolle spielen können.
Sanierung als soziale und kreislaufwirtschaftliche Aufgabe
Für die Transformation des Gebäudebestands reicht es nicht, Gebäude technisch effizienter zu machen. Entscheidend ist auch, wer die Kosten trägt, wer von niedrigeren Energieverbräuchen profitiert und wer bei der Planung mitreden kann. Aus Sicht der Kreislaufwirtschaft gehört dazu, bestehende Gebäude möglichst sinnvoll weiterzuentwickeln und ihren Energiebedarf zu senken – ohne dabei die sozialen Folgen der Maßnahmen auszublenden.
PREFIGURE untersucht, wie energetische Sanierungen mit bezahlbarem Wohnen und gesellschaftlicher Teilhabe vereinbar werden können. Das Projekt verbindet Haushaltsbefragungen mit Fallstudien in elf europäischen Städten, darunter Karlsruhe. Die Erhebung wurde in sieben Ländern durchgeführt; die deutschen Ergebnisse sind Teil einer noch vertieften europäischen Auswertung. Für Anfang 2027 ist ein Dossier mit ausführlicheren statistischen Analysen und Ländervergleichen geplant. Die Erkenntnisse sollen anschließend in Handlungsempfehlungen einfließen und mit Politik, Wohnungswirtschaft und Zivilgesellschaft diskutiert werden.
Bild ganz oben: Energetische Sanierungen können den Energiebedarf senken. Vielen Befragten der PREFIGURE-Erhebung fehlt hierfür jedoch das Geld. Foto: Markus Breig, KIT
