Strategie und Taktik werden häufig verwechselt. Taktik beantwortet die Frage, wie sich ein unmittelbares Problem lösen lässt. Strategie legt fest, welche Fähigkeiten morgen noch vorhanden sein sollen und welche kurzfristigen Nachteile dafür in Kauf genommen werden. Die Versuchung, das nächste Spiel zu gewinnen und darüber die Zukunft zu verlieren, ist allerdings kein spezifisch deutsches Phänomen.

Auch die Verlagerung industrieller Wertschöpfung nach China betrifft nicht allein Deutschland. Produktionskapazitäten für Photovoltaik wanderten aus Europa, Japan und den USA ab. China nahm diese Technologien auch nicht einfach als Geschenk entgegen. Das Land investierte nach Angaben der Internationalen Energieagentur seit 2011 mehr als 50 Milliarden US-Dollar in solare Lieferketten und schuf dort über 300.000 Arbeitsplätze. Heute liegt der chinesische Anteil auf nahezu allen Produktionsstufen der Photovoltaik bei mehr als 80 Prozent.

Die präzisere Kritik lautet deshalb: Deutschland und Europa haben Forschung, Markteinführung und Nachfrage gefördert, während China die industrielle Skalierung betrieb. Deutschland entwickelte Technologien und schuf mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz einen frühen Absatzmarkt. Es versäumte jedoch, die entstehende Produktion dauerhaft gegen einen Wettbewerb abzusichern, der nicht allein über Marktpreise, sondern auch über Industriepolitik, Kapitalzugang und den Aufbau vollständiger Lieferketten geführt wurde.

In schwieriges Fahrwasser taktiert

Taktisch war der Import immer billiger. Strategisch entstand eine Abhängigkeit. Das zeigt sich in einem bemerkenswerten Gegensatz: Erneuerbare Energien deckten 2025 bereits 55,1 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs. Ein großer Teil der dafür benötigten Solarmodule wird jedoch in China hergestellt. Die Energiewende kommt voran, aber ein erheblicher Teil der mit ihr verbundenen industriellen Wertschöpfung findet außerhalb Deutschlands statt.

Damit berührt die Unterscheidung zwischen Strategie und Taktik unmittelbar die Frage des Wirtschaftswachstums. Installierte Leistung allein schafft noch keinen dauerhaften Wohlstand. Entscheidend ist, ob aus Forschung auch wettbewerbsfähige Produkte, Produktionsanlagen, Unternehmen und Exporte entstehen. Eine Energiewende, die hauptsächlich importierte Technik installiert, kann Emissionen senken und Versorgungskosten reduzieren. Sie erzeugt aber weniger heimische Wertschöpfung als eine Energiewende, bei der Deutschland zugleich Anlagen, Komponenten und Systemlösungen produziert.

Ist die Automobilindustrie strategisch vorbereitet?

In der Automobilindustrie ist dieser Prozess noch nicht entschieden. Deutschland war 2025 nach China der zweitgrößte Produktionsstandort für Elektroautos. Die Ausgangslage ist also besser, als manche Niedergangserzählung vermuten lässt. Gleichzeitig verlagern deutsche Hersteller Entwicklung und Produktion näher an den chinesischen Markt und arbeiten dort mit lokalen Technologieunternehmen zusammen. Das ist taktisch nachvollziehbar: Wer in China verkaufen will, muss auf chinesische Geschwindigkeit, Kundenwünsche und digitale Systeme reagieren.

Die strategische Frage lautet jedoch, welche Kompetenzen in Deutschland und Europa verbleiben. Wenn Batterietechnik, Fahrzeugsoftware, Datenarchitekturen und die dazugehörigen Zuliefernetzwerke zunehmend anderswo entstehen, reicht es nicht, weiterhin hochwertige Fahrzeuge zu montieren. Von einem Verschenken der Technologie zu sprechen, wäre ungenau. Das Risiko besteht vielmehr darin, dass kurzfristig notwendige Kooperationen langfristig zu einer Verlagerung des technologischen Zentrums führen.

Nicht jeder Fußball-Vergleich hinkt

Der Fußball zeigt, dass Deutschland durchaus strategisch handeln kann. Nach dem enttäuschenden Abschneiden bei der Europameisterschaft 2000 wurden Talentförderung, Nachwuchsleistungszentren und Trainerausbildung systematisch ausgebaut. Der Weltmeistertitel 2014 war nicht das Ergebnis einer besonders gelungenen Einwechslung, sondern auch einer über Jahre aufgebauten Struktur.

Daran ändert die aktuelle Trainerfrage nichts. Aufstellung, Pressing und Wechsel sind Taktik. Die Verpflichtung Jürgen Klopps bis 2030 wird erst dann Teil einer Strategie, wenn sie mit Nachwuchsförderung, Spielerausbildung und einer langfristigen Spielidee verbunden ist. Ein großer Name allein ersetzt kein System.

Zusammen denken

Deutschland leidet somit nicht unter einer nationalen Unfähigkeit zur Strategie. Das Land hat vielmehr mehrfach bewiesen, dass es langfristige Strukturen aufbauen kann. Problematisch wird es dort, wo Forschungspolitik, Energiepolitik und Industriepolitik getrennt voneinander betrieben werden. Dann wird eine Technologie entwickelt, gefördert und eingesetzt, ohne zu entscheiden, welcher Teil der daraus entstehenden Wertschöpfung im Land bleiben soll. Strategie bedeutet deshalb nicht Abschottung und auch nicht, jede Technologie um jeden Preis selbst herzustellen. Sie bedeutet, bewusst festzulegen, bei welchen Fähigkeiten Abhängigkeit akzeptabel ist und bei welchen nicht. Erst wenn diese Entscheidung getroffen ist, lässt sich beurteilen, ob das günstigste Angebot tatsächlich ein Erfolg ist oder nur ein taktischer Sieg auf dem Weg in die nächste strategische Abhängigkeit.

Bild oben: Zwischen technischer Entwicklung und wirtschaftlichem Erfolg liegt die industrielle Skalierung. Genau an dieser Stelle verliert Europa häufig Wertschöpfung an andere Weltregionen. Abbildung mit KI erstellt.

Von Philipp

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