Das Hamburger Bioökonomie-Unternehmen traceless hat in Hamburg-Harburg seine erste industrielle Produktionsanlage eröffnet. Dort sollen pflanzliche Reststoffe aus der Agrarindustrie zu einem Material verarbeitet werden, das Kunststoff in bestimmten Anwendungen ersetzen kann.
Das Hamburger Scale-up traceless hat am 13. Mai 2026 in Hamburg-Harburg seine erste industrielle Produktionsanlage eingeweiht. Nach Unternehmensangaben entstehen dort die weltweit ersten industriellen Produktionskapazitäten für thermoplastische Naturpolymere, die direkt als Plastikersatz eingesetzt werden können. Die Anlage markiert für das 2020 gegründete Unternehmen den Schritt vom Pilotmaßstab in die industrielle Fertigung.
Pflanzenabfälle als Basis
traceless verarbeitet in der Anlage pflanzliche Reststoffe der Agrarindustrie zu Granulaten. Das daraus entstehende Material ist nach Unternehmensangaben biobasiert, heimkompostierbar und „per Definition kein Plastik“. Es soll sich mit industriellen Standardtechnologien weiterverarbeiten lassen und vor allem dort eingesetzt werden, wo technisches Recycling schwierig ist oder Produkte leicht in die Umwelt gelangen können, etwa bei Einwegprodukten, Verpackungen, Papierbeschichtungen oder Klebstoffen.
Der neue Standort umfasst rund 4.000 Quadratmeter. Dort bündelt traceless Produktion, Vertrieb, Produkt- und Technologieentwicklung, Logistik und Verwaltung. Die geplante Jahreskapazität liegt bei rund 3.000 Tonnen traceless-Material. Zu den genannten Pionierkunden und Partnern gehören der Papier- und Verpackungshersteller Mondi, der Versandhändler OTTO und der Distributionspartner Biesterfeld. Zentrale Bereiche der Anlage sind laut Unternehmen bereits in Betrieb, die Produktion soll in den kommenden Monaten schrittweise hochgefahren werden.
Dr.-Ing. Anne Lamp, Geschäftsführerin und Gründerin von traceless erklärte: „Mit dieser Anlage geht unsere Mission in eine neue Phase. Wir betreten hier buchstäblich Neuland: Wir schaffen die weltweit ersten industriellen Produktionskapazitäten für thermoplastische Naturpolymere, die direkt als Plastikersatz genutzt werden können. Gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern feiern wir heute den Auftakt für eine innovative Materialindustrie, die zirkulär, sauber und zukunftsorientiert ist.“
Über 20 Mio EUR investiert
Das Investitionsvolumen beträgt mehr als 20 Millionen Euro. Gefördert wurde das Projekt mit 5,128 Millionen Euro aus dem Umweltinnovationsprogramm des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Auch die seit 2022 betriebene Pilotanlage aus Buchholz in der Nordheide soll an den neuen Standort umziehen. Darüber hinaus plant traceless bereits den Bau einer größeren Industrieanlage, um die Produktionskapazitäten weiter auszubauen.
Ökologisch positioniert sich traceless als Alternative zu fossilbasiertem Kunststoff. Laut Pressemitteilung spart das Material im Vergleich zu herkömmlichen Kunststoffen in Herstellung und Entsorgung 91 Prozent CO₂-Emissionen. Auf seiner Impact-Seite nennt das Unternehmen auf Grundlage von Lebenszyklusanalysen außerdem bis zu 95 Prozent eingesparte Treibhausgasemissionen während Produktion und Entsorgung. Diese Angabe sollte journalistisch als Unternehmensangabe eingeordnet werden, weil sie sich auf einen abgegrenzten Abschnitt des Lebenszyklus bezieht und nicht als pauschale Klimabilanz des gesamten Produkts formuliert werden sollte.
Regulatorische Anforderungen
Der Markteintritt fällt in eine Phase zunehmender regulatorischer Anforderungen an Verpackungen. Die neue EU-Verpackungsverordnung PPWR ist am 11. Februar 2025 in Kraft getreten und gilt grundsätzlich ab dem 12. August 2026. Sie umfasst alle Verpackungen und Verpackungsabfälle, unabhängig von Material oder Herkunft. Ziel ist unter anderem, alle Verpackungen auf dem EU-Markt bis 2030 wirtschaftlich recyclingfähig zu machen.
Der Druck auf Unternehmen, Kunststoffabfälle zu vermeiden, bleibt hoch. Nach Angaben des UN-Umweltprogramms UNEP gelangen jedes Jahr 19 bis 23 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle in aquatische Ökosysteme und verschmutzen Seen, Flüsse und Meere. UNEP betont zugleich, dass Recycling allein nicht ausreichen werde, um die Plastikverschmutzung zu lösen. Nötig sei eine systemische Transformation hin zu einer Kreislaufwirtschaft.
Für traceless ist die Anlage damit nicht nur ein Produktionsstart, sondern auch ein Praxistest für die Skalierbarkeit naturbasierter Materialien. Entscheidend wird sein, ob sich die Granulate technisch, preislich und in ausreichender Menge in bestehenden Wertschöpfungsketten einsetzen lassen. Gelingt dies, könnte die Anlage in Hamburg-Harburg zu einem Baustein für eine europäische Bioökonomie werden, die weniger abhängig von fossilen Rohstoffen ist und Materialkreisläufe stärker biologisch denkt.
Bild oben: Eröffnungszeremonie vor der traceless Produktionsanlage, mit dem traceless Inbetriebnahme Team und Gästen, in der Mitte: (v.l.) Dr. Boris Ewenstein, Jakob Röskamp, Katharina Fegebank, Dr. Anne Lamp, Carsten Schneider, Sina Spingler, Dr. Michael Otto, Marko Schuster, Jonna Clasen. Foto: Jonas Walter
