Die Kunststoffindustrie steht mitten in einer ihrer größten Transformationen. Mit dem im Februar 2025 vorgestellten Clean Industrial Deal, dem für das dritte Quartal 2026 angekündigten Circular Economy Act, der neuen EU-Verpackungsverordnung und der seit Juli 2024 geltenden Ecodesign for Sustainable Products Regulation steigen die Anforderungen an Unternehmen weiter. Es geht längst nicht mehr nur um Recyclingquoten oder Klimaziele. Es geht um die Frage, wie sich Klimaneutralität, Kreislaufwirtschaft und industrielle Wettbewerbsfähigkeit in Europa zugleich organisieren lassen. Im Gespräch erläutert die Hauptgeschäftsführerin von Plastics Europe Deutschland, Dr. Christine Bunte wie das gelingen kann.
Die europäische Kreislaufwirtschaftspolitik hat ihren Schwerpunkt verschoben. Während früher vor allem Abfallmengen, Sammelquoten und Recyclingziele im Vordergrund standen, rücken heute Produkte, Materialwahl und Design stärker in den Fokus. Das ist folgerichtig, denn nach Angaben der EU werden bis zu 80 Prozent der Umweltwirkungen eines Produkts bereits in der Designphase festgelegt. Genau dort setzen die neuen Regeln an. Die ESPR schafft den Rahmen für verbindliche Ökodesign-Anforderungen für weit mehr Produkte als bisher, und die PPWR verschärft den Druck auf recyclingfähige und ressourcenschonende Verpackungen. Dr. Christine Bunte erklärt: „Es reicht nicht, dass ein Material theoretisch recycelbar ist. Es muss tatsächlich recycelt werden. Dafür brauchen wir recyclinggerechtes Produktdesign.“
Recycling muss wirtschaftlich tragfähig sein

Der Satz klingt selbstverständlich, beschreibt aber das eigentliche Problem sehr genau. Technisch ist heute vieles möglich, wirtschaftlich bleibt vieles schwierig. Sammeln, Sortieren, Reinigen und Aufbereiten verursachen hohe Kosten. Rezyklate konkurrieren zugleich mit Neuware in einem Markt, der stark von globalem Preis- und Kostendruck geprägt ist. „Nur wenn Recycling wirtschaftlich tragfähig ist, wird es sich am Markt behaupten“, prognostiziert Dr. Bunte.
Wie angespannt die Lage ist, zeigen die aktuellen Branchendaten. Europas Anteil an der weltweiten Kunststoffproduktion ist laut Plastics Europe von 22 Prozent im Jahr 2006 auf 12 Prozent im Jahr 2024 gesunken. Der Branchenumsatz lag 2024 bei 398 Milliarden Euro und damit 13 Prozent unter dem Niveau von 2022. Zugleich stagniert die Produktion zirkulärer Kunststoffe in Europa bei rund 15 Prozent der Gesamtproduktion, und Europa ist im dritten Jahr in Folge Nettoimporteur von Kunststoffmaterialien und Kunststoffprodukten.
Die Roadmap bis 2050
Trotz dieser Entwicklung hält die Branche an ihren langfristigen Zielen fest. Plastics Europe beschreibt in seiner 2024 angepassten Roadmap einen Pfad zur Netto-Null bis 2050. In einem ambitionierten Szenario soll der Ersatz fossilbasierter Kunststoffe bis 2030 auf 25 Prozent und bis 2050 auf 65 Prozent steigen. Der Umbau soll über mehrere Hebel gelingen, durch geringeren Rohstoffbedarf infolge besseren Designs und geeigneter Mehrweglösungen, durch mehr mechanisches Recycling, durch ergänzendes chemisches Recycling und durch den schrittweisen Einsatz alternativer Kohlenstoffquellen. Dr. Bunte dazu: „Wir wollen 2050 klimaneutral sein und den Anteil fossiler Rohstoffe deutlich reduzieren.“
Chemisches Recycling als Ergänzung
Besonders kontrovers bleibt die Debatte über das chemische Recycling. Für Bunte ist die Vorstellung wenig plausibel, dass chemische Verfahren das mechanische Recycling eines Tages verdrängen könnten. „Wir brauchen beide Technologien, komplementär, nicht konkurrierend“, sagt Dr. Bunte dazu. Diese Linie deckt sich mit der Position von Plastics Europe. Dort wird chemisches Recycling ausdrücklich als Ergänzung zu mechanischem Recycling beschrieben, vor allem für komplexe oder stark verunreinigte Abfallströme, bei denen mechanische Verfahren nicht die benötigte Qualität liefern können. Chemisches Recycling soll damit gerade nicht die günstigeren mechanischen Verfahren ersetzen, sondern Lücken schließen, wo diese an technische Grenzen stoßen.
Produktionsabfälle gehören zur Kreislaufwirtschaft

Auch bei Produktionsabfällen lohnt ein genauerer Blick. In der öffentlichen Debatte steht häufig ausschließlich der Post-Consumer-Bereich im Mittelpunkt. Für die Industrie ist das zu eng. Gerade bei technischen Kunststoffen kann auch das Recycling von Produktionsresten einen relevanten ökologischen Beitrag leisten, weil Materialverluste vermieden und Primärrohstoffe ersetzt werden. Entscheidend ist dabei weniger die symbolische Frage, was als „echtes“ Recycling gilt, sondern eine saubere Transparenz darüber, welche Stoffströme jeweils erfasst werden und welche Qualität die Rezyklate haben. Der von der EU für 2026 angekündigte Circular Economy Act soll genau solche Märkte für hochwertige Sekundärrohstoffe stärken.
Wettbewerbsfähigkeit wird zur Standortfrage
Neben der Kreislaufwirtschaft belastet die Branche weiter die klassische Standortfrage. Hohe Energiekosten, komplexe Regulierung, Investitionsdruck und schärferer globaler Wettbewerb treffen auf einen europäischen Markt, der an Gewicht verloren hat. Der Clean Industrial Deal soll darauf antworten, indem er Dekarbonisierung und Wettbewerbsfähigkeit zusammenführt, Energiekosten senkt, Investitionen erleichtert und Leitmärkte für saubere Produkte stärkt. Ob das reicht, wird wesentlich davon abhängen, wie schnell daraus verlässliche und investitionsfähige Rahmenbedingungen werden.
Regeln müssen wirken, nicht lähmen
Die neue Verpackungsverordnung verschärft den Anpassungsdruck zusätzlich. Sie ist am 11. Februar 2025 in Kraft getreten und gilt grundsätzlich ab dem 12. August 2026. Ihr Ziel ist ein EU-weit stärker harmonisierter Rahmen für Verpackungen und Verpackungsabfälle. Das kann den Binnenmarkt stabilisieren und Investitionen erleichtern, erhöht kurzfristig aber auch den Umsetzungsdruck in den Unternehmen.
„Wir brauchen weniger Bürokratie, aber keine Deregulierung.“ Genau darin liegt der Kern der aktuellen Debatte. Unternehmen brauchen Regeln, die ambitioniert sind, aber handhabbar bleiben. Wenn Vorschriften so komplex werden, dass sie Investitionen verzögern oder in der Praxis kaum noch verlässlich umzusetzen sind, verlieren sie ihre Lenkungswirkung. Wenn sie dagegen Klarheit schaffen, können sie Innovationen und Kreislauflösungen tatsächlich beschleunigen. Auch die Kommission verbindet den Clean Industrial Deal ausdrücklich mit Vereinfachung und besseren Bedingungen für Unternehmen.
Praktikable Lösungen gefragt
Die Richtung ist klar. Europa will weg von einer linearen Kunststoffwirtschaft und hin zu einem System, in dem Produkte anders gestaltet, Rohstoffe länger genutzt und Rezyklate stärker nachgefragt werden. Doch der Umbau gelingt nur, wenn Technik, Wirtschaftlichkeit und Regulierung zusammenpassen. Genau darin liegt die eigentliche Bewährungsprobe der nächsten Jahre. „Wir brauchen praktikable Lösungen, die ökologisch sinnvoll und gleichzeitig marktfähig sind. Nur so wird die Kreislaufwirtschaft Realität.“
Redaktioneller Hinweis: Die Aussagen von Dr. Christine Bunte stammen aus dem ursprünglichen Gespräch. Der politische und wirtschaftliche Rahmen wurde auf den Stand April 2026 aktualisiert.
Bild ganz oben: Dr. Christine Bunte, Hauptgeschäftsführerin des Erzeugerverbandes Plastics Europe Deutschland. Foto: Plastics Europe Deutschland, The Tailors Photography
