Der Entsorgungsverband BDE fordert, Stahl künftig nach seinem absoluten CO₂-Fußabdruck zu bewerten. Die kritisierte „Sliding Scale“ verfolgt allerdings ein anderes Ziel: Sie soll den Transformationsfortschritt unterschiedlicher Produktionsrouten abbilden. Welche Kriterien künftig für emissionsarmen oder „grünen“ Stahl gelten, kann über die Vergabe öffentlicher Aufträge und den Zugang zu Förderprogrammen entscheiden. Der BDE warnt deshalb vor einer Klassifizierung, bei der der zulässige CO₂-Ausstoß vom eingesetzten Schrottanteil abhängt.

Der Verband wendet sich damit gegen ein wesentliches Element des Low Emission Steel Standard (LESS). Statt einer solchen gleitenden Skala fordert der BDE feste Emissionsgrenzen auf Grundlage des Product Carbon Footprint. Bewertet werden sollen sämtliche Treibhausgasemissionen von der Rohstoffgewinnung bis zum Werkstor.

Gleiche Klasse bei unterschiedlichen Emissionen

Bei LESS hängt die Grenze zwischen den einzelnen Emissionsklassen vom Anteil des eingesetzten Stahlschrotts ab. Je niedriger der Schrottanteil ist, desto höher darf der CO₂-Ausstoß innerhalb derselben Klasse liegen. Wie groß der Unterschied ausfallen kann, zeigt das LESS-Regelwerk: Bei Bau- und Betonstahl liegt die Grenze zwischen den Klassen D und E bei einem Schrottanteil von 20 Prozent bei 2.000 Kilogramm CO₂-Äquivalenten je Tonne warmgewalztem Stahl. Bei 100 Prozent Schrott sind es 600 Kilogramm. Produkte können somit derselben Klasse angehören, obwohl sich ihre Emissionen um mehr als den Faktor drei unterscheiden.

Aus Sicht des BDE schwächt das die Stellung der schrottbasierten Elektrostahlroute. Ein Beschaffungssystem, das ausschließlich an die LESS-Klasse anknüpft, könnte einen Stahl mit wesentlich höherem CO₂-Fußabdruck ebenso behandeln wie ein deutlich emissionsärmeres Recyclingprodukt. Ganz ausgeblendet werden die absoluten Emissionen bei LESS allerdings nicht. Das Label soll neben der Klasse auch den Schrottanteil und den Product Carbon Footprint beziehungsweise das Global Warming Potential des Produktes ausweisen. Die unterschiedliche Klimawirkung bleibt damit grundsätzlich erkennbar. Entscheidend ist, welche dieser Angaben später für Vergabe- und Förderentscheidungen herangezogen werden.

Sliding Scale soll Primärstahl einbeziehen

Die Abhängigkeit der Grenzwerte vom Schrottanteil ist kein unbeabsichtigter Rechenfehler, sondern folgt der Zielsetzung von LESS. Das System bewertet nicht allein den Fußabdruck des gelieferten Stahls, sondern auch den Fortschritt der jeweiligen Produktionsroute auf dem Weg zu einer weitgehend emissionsfreien Herstellung.

Dahinter steht die Annahme, dass Stahlschrott weltweit begrenzt verfügbar ist und bereits in großem Umfang genutzt wird. Ein höherer Schrotteinsatz in einem Werk kann deshalb dazu führen, dass das Material an anderer Stelle fehlt. Die Verlagerung vorhandener Schrottmengen reduziert die weltweiten Emissionen nicht im gleichen Maß wie die Umstellung einer erzbasierten Primärroute auf ein emissionsärmeres Verfahren.

Zudem wird auch künftig Primärstahl benötigt. LESS soll daher Investitionen in Direktreduktionsanlagen, klimafreundlicheren Wasserstoff und weitere Verfahren zur Dekarbonisierung der Primärstahlproduktion sichtbar machen. Schrottabhängige Schwellenwerte werden aus diesem Grund ebenfalls von der Internationalen Energieagentur und ResponsibleSteel verwendet. Die IEA weist zugleich darauf hin, dass die Wahl des Bewertungsansatzes vom jeweiligen politischen Zweck abhängen sollte.

Damit beantworten beide Ansätze unterschiedliche Fragen: Der absolute CO₂-Fußabdruck beschreibt die Klimawirkung eines Produktes. Die Sliding Scale bewertet, wie weit eine Produktionsroute gegenüber ihren jeweiligen technischen Ausgangsbedingungen dekarbonisiert wurde.

JRC setzt auf produktbezogene Klassen

Für die geplanten Leistungsklassen unter der europäischen Ökodesign-Verordnung verfolgt die Gemeinsame Forschungsstelle der Europäischen Kommission (JRC) derzeit einen produktbezogenen Ansatz. Die vorgeschlagenen Klassen beruhen auf absoluten Emissionen je Tonne Stahl und verändern sich nicht mit dem Schrottanteil.

In einer JRC-Präsentation vom April 2026 reicht die beste Klasse A für warmgewalztes Band von null bis 1,79 Tonnen CO₂-Äquivalenten je Tonne Stahl. Klasse B umfasst Werte zwischen 1,79 und 2,66 Tonnen. Damit können auch vergleichsweise effiziente konventionelle Hochofenwerke in die zweitbeste Klasse gelangen.

Der BDE hält diese Grenzen deshalb für zu wenig ambitioniert und verlangt wissenschaftlich begründete Schwellenwerte sowie einen verbindlichen Pfad zu deren schrittweiser Absenkung. Der Einwand ist relevant, weil die beiden besten JRC-Klassen nach der vorläufigen Methodik zusammen mindestens 30 Prozent des aktuellen Produktionsvolumens erfassen sollen. Das erleichtert zunächst die Verfügbarkeit entsprechender Produkte, begrenzt aber die Abgrenzung gegenüber der heutigen Produktion. 

Die JRC-Werte sind bislang ein Vorschlag für die Konsultation mit den beteiligten Kreisen. Sie stellen weder eine verabschiedete EU-Regelung noch eine endgültige Definition von „grünem Stahl“ dar. Auch aus einer Einstufung in Klasse A oder B folgt daher derzeit nicht automatisch ein Anspruch auf Förderung oder eine Bevorzugung bei öffentlichen Aufträgen.

Klassifizierung muss ihrem Zweck entsprechen

Neben absoluten Emissionsgrenzen fordert der BDE, die vorgelagerte Lieferkette vollständig einzubeziehen. LESS arbeitet bereits mit einem Cradle-to-Gate-Ansatz und erfasst direkte Emissionen, eingekaufte Energie sowie wesentliche vorgelagerte Emissionen aus Rohstoffen und Transporten. Für einen belastbaren Produktvergleich müssen jedoch Bilanzgrenzen, Emissionsfaktoren, Gutschriften und die Behandlung des Schrotts einheitlich geregelt sein. Ein absoluter CO₂-Wert ist nur dann zwischen verschiedenen Herstellern vergleichbar.

Die Auseinandersetzung zeigt daher vor allem einen Zielkonflikt. Für die Auswahl des Produktes mit den niedrigsten Emissionen bietet der absolute CO₂-Fußabdruck die eindeutigere Grundlage. Für die Bewertung von Investitionen in die Dekarbonisierung unterschiedlicher Stahlrouten kann eine zusätzliche Transformationsklasse sinnvoll sein.

Eine Kombination aus beiden Angaben könnte diese Funktionen trennen: Der Product Carbon Footprint würde die tatsächlichen Emissionen des Stahls abbilden. Schrottanteil und Transformationsklasse könnten ergänzend zeigen, auf welcher Rohstoffbasis er hergestellt wurde und welche Fortschritte die betreffende Produktionsroute erreicht hat. Welche Angaben letztlich über Förderfähigkeit und öffentliche Beschaffung entscheiden, muss der europäische Gesetzgeber noch festlegen.

Bild oben: Absolute CO₂-Emissionen oder Transformationsfortschritt der jeweiligen Produktionsroute: Bei der Einstufung von „grünem Stahl“ führen beide Ansätze zu unterschiedlichen Ergebnissen. Symbolbild, KI-generiert: OpenAI

Von Philipp

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